Altenhilfe für MigrantInnen
1. Ausgangspunkt ist aus dem Programm der Grünen
Alten der Punkt:
Für Integration älterer Migrantinnen und Migranten
„Ältere
Migrantinnen und Migranten brauchen aufgrund der verschiedenen ethnischen,
religiösen und kulturellen Herkunft sowie der unterschiedlichen sozialen
Lebenslagen entsprechende Angebote. Eine erfolgreiche Integration und
Gleichberechtigung können nur erreicht werden, wenn der rechtliche Rahmen,
soziale Chancengleichheit und kulturelle Selbstbestimmung gewährleistet sind.
Wir setzen uns
bei der Umsetzung dieser Aufgabe für eine interkulturelle Öffnung und
Modernisierung der Altenhilfe durch gezielte Kooperation mit
Migranten-Organisationen ein.“
2. Hintergrund
der Zuwanderung
In früheren Jahren glaubte man noch, dass die angeworbenen
ausländischen Arbeitskräfte nach ein paar Jahren Beschäftigung, bzw. spätestens
nach der Pension in ihre Ursprungsländer zurückkehren würden. Viele dieser
Migrantinnen und Migranten der 1. Generation sind inzwischen deutsche Staatsbürger
geworden, ihre Kinder und/ oder Enkelkinder sind hier geboren und aufgewachsen.
Abgesehen von diesen familiären Bindungen zu Deutschland sprechen auch die
meisten Gesundheits- und Sozialsysteme der Entsendeländer nicht für eine
permanente Rückkehr dieser Generation.
Laut Statistischem Bundesamt, 2006 gab es in Deutschland 6,5
Mio. Migranten. Die meisten kamen
mit 1.739.000 aus der Türken, gefolgt von 362.000 Italienern, 535.000
Polen, Serben und Montenegriern mit 317.000, 304.000 Griechen und 228.000
Kroaten.
26,9% der Türken leben seit 30 Jahren und mehr in
Deutschland, 53,2 % sind 10 bis 30 Jahre
alt und 19,9% sind jünger als 10 Jahre.
Die meisten
Zuwanderer kamen und kommen aus
wirtschaftlichen Gründen wie auch aus
Krisen- und Kriegsgebieten. Für die Zukunft prognostiziert man, dass
vermehrt Menschen aus Gebieten kommen, die vom Klimawandel und den Folgen wie
Trockenheit und Umweltkatastrophen betroffen sind und deren Regierungen den Folgen keine alternativen Konzepte und Lösungen entgegen setzen können.
In Deutschland
werden alleine laut Hochrechnung des Statistischen Bundesamtes 2030 ca. 2,8
Millionen ältere Migrantinnen und Migranten leben.
3. Verdienste der Migrantinnen und Migranten
Viele Zuwanderer haben in Deutschland Pionierarbeit
geleistet. Gerade die älteren Migrantinnen und Migranten leisteten und leisten
immer noch einen bedeutenden Beitrag für das Gelingen des sozialen Lebens,
deshalb darf das Potential der
freiwilligen Selbsthilfe unter der ersten Einwanderergeneration in Form von
Nachbarschaftshilfe nicht unterschätzt werden. Sie hat im Wesentlichen zur
Orientierung und zur Integration beigetragen.
Überdies
sollten die bedeutenden Beiträge der älteren Migrantinnen und Migranten
anerkennen, die sie in der Vergangenheit für die Wirtschaft geleistet haben.
Es darf
auch nicht die Gruppe der professionell
pflegenden Migrantinnen in Krankenhäusern und Altenpflegeheimen vergessen
werden, die schwere und wirklich wichtige und gute Arbeit leistet.
Da die Gruppe der älteren Menschen mit Migrationshintergrund
immer größer wird, ist es an der Zeit, dass nicht nur ihre speziellen Wünsche
und Bedürfnisse Gehör finden, sondern sie auch Chancengerechtigkeit im Alter
erfahren, denn auch sie haben das Recht auf
Würde im Alter.
4. Integrationspolitik
unter Anerkennung gemeinsamer Regeln
Integrationspolitik
ist nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa gesellschaftliche
Zukunftsaufgabe.
Eine echte
Teilhabe aller Migrantinnen und Migranten aber kann es nur geben, wenn
Integration und Gleichberechtigung Hand in Hand gehen. Dieses gleichberechtigte
Zusammenleben ist eine zentrale gesellschaftspolitische europäische Aufgabe und
bedeutet Chancengleichheit in Bildung, auf dem Arbeitsmarkt und in allen
anderen gesellschaftlichen Bereichen. Gleiche Teilhaberechte und ein
gesicherter Aufenthalt sind für die Integration unverzichtbar.
Integration
sehen wir als Prozess zu einem Leben in
geltendem rechtlichem Rahmen, mit sozialer Chancengleichheit und kultureller
Selbstbestimmung. Wir fördern das Zusammenleben in gesellschaftlicher Vielfalt
mit der Anerkennung gemeinsamer und verbindlicher Regeln auf der Grundlage der
Menschenrechte und der jeweiligen Gesetze. Die Achtung der Menschenrechte,
Toleranz, Respekt, Gewaltfreiheit, Gleichberechtigung sowie die Anerkennung von
demokratischen und rechtsstaatlichen Verfahren sind solche Grundvoraussetzungen
des Zusammenlebens.
Zur
erfolgreichen Integration bedarf es der Bereitschaft und des Willen auf allen
Seiten.
Integration kann nur gelingen, wenn nicht nur bei Kindern,
sondern auch noch bei älteren Migranten, sowohl Frauen als auch Männern, der
Spracherwerb der jeweiligen Landessprache gefördert wird, denn Stereotype und
Vorurteile über alte Menschen, besonders ältere Migrantinnen und Migranten sind
in unserer Gesellschaft anzutreffen. Die Überzeugung, dass andere für nicht
besonders schlau gehalten werden, weil sie z. B. Migranten sind, nicht so gut
die Landessprache sprechen und dann noch das Stereotyp alt dazu, führen zu
Minderwertigkeitsgefühlen bei vielen älteren Migrantinnen und Migranten.
Deshalb sollten spezielle Sprachkurse und andere Aktivitäten zur Einbeziehung
und Beteiligung auch älterer Migrantinnen und Migranten noch mehr gefördert
werden.
Auch ältere
Analphabeten dürfen von Alphabetisierungskursen und dem Spracherwerb der
jeweiligen Landessprache nicht ausgeschlossen werden. Sprachliche
Integrationskurse sollten sinnvoller Weise z. B. mit speziellen Agenturen eng
verknüpft werden.
Ebenso sollten die NGO`s in ihren Aktivitäten und Hilfsprogrammen
in dieser Hinsicht unterstützt werden.
5.
Die Situation auf dem Arbeitsmarkt
Die Situation auf dem Arbeitsmarkt wird sich nicht nur in
Deutschland, sondern in Europa in Zukunft
drastisch verschärfen, weil es vermutlich zu wenig Facharbeiter geben
wird. Der EU-Kommissar Spidla empfahl deshalb, Einwanderer besser zu
integrieren und ausgebildete Doktoren unter den Migranten nicht als Taxifahrer
arbeiten zu lassen.
Die Gruppe der älteren Menschen mit Migrationshintergrund
ist besonders stark von Arbeitslosigkeit betroffen, sei es z. B. durch Mangel
an Arbeit, mangelnde Integration in den Arbeitsmarkt, frühzeitige Erwerbsunfähigkeit oder
Unterqualifikation. Um in Zukunft die Chancen der Migrantinnen und Migranten zu
verbessern, müssen schon die Kinder in den Kindergärten und Schulen besser
gefördert werden, um auf dem Arbeitsmarkt mehr Chancen zu haben.
Durch die
schlechte Integration in die Gesellschaft, die nicht ausreichenden
Sprachkenntnisse, zu wenig soziale Netzwerke und mangelnde Integration in den
Arbeitsmarkt gehen den Ländern Arbeitskräfte verloren, die zum Verlust von Renten- und
Sozialversicherungsbeiträgen wie auch Einkommenssteuern führen. Das sind Milliardenbeträge, die seit Jahren verloren gehen.
6. Die besondere Problematik älterer Migrantinnen und
Migranten
Der Beratungs – und Informationsbedarf zu altersspezifischen
Fragen bei Migrantinnen und Migranten wächst. Studien belegen, dass die
gesundheitliche und soziale Lage älterer
Migranten im Vergleich zu einheimischen
Altersgruppen deutlich schlechter ist.
Seniorinnen und Senioren mit Migrationshintergrund scheiden
häufiger frühzeitig aus dem Arbeitsleben
aus, haben häufiger finanzielle Einschränkungen und
Verständigungsschwierigkeiten durch Sprachdefizite, die als Hinderungsgründe
für ein aktiveres Teilhaben am öffentlichen Leben gelten. Nach dem Berufsleben
wollen auch sie aktiv bleiben, aber
wissen häufig nicht, wie sie das
machen sollen.
Da die Gruppe der älteren Menschen mit Migrationshintergrund
immer größer wird, ist es an der Zeit, dass nicht nur ihre speziellen Wünsche
und Bedürfnisse Gehör finden, sondern sie auch Chancengerechtigkeit im Alter
erfahren.
Ältere
Migrantinnen und Migranten stehen der besonderen Gefahr der vielfachen
Diskriminierung gegenüber und es erfordert spezifische Politik und
kultursensible Dienstleistungen, wie sie in „Recommendation 1619, EU-Parlament,
2003 für die Rechte älterer Migranten“ formuliert sind.
- In Bezug auf die besonders zu schützende
Gruppe der älteren Migrantinnen und Migranten sollte über die Konsequenzen für
sie und die Gesellschaft reflektiert werden, die in Zukunft entstehen. Deshalb
sollte ein spezifisches Programm zur generellen Unterstützung älter werdender
Migrantinnen und Migranten erstellt werden.
- Dabei muss sich
die Altenpolitik auf die sehr heterogene Gruppe der Migrantinnen und
Migranten einstellen, die aufgrund ihrer
verschiedenen ethnischen, religiösen und kulturellen Herkunft sowie ihrer
unterschiedlichen sozialen Lebenslagen keine einfachen Standardlösungen
ermöglicht.
- Die
gravierensten Schwierigkeiten, mit denen ältere Zugewanderte kämpfen, sind vor
allem Beeinträchtigung der Gesundheit, bzw. Krankheiten, Wohnungsprobleme und
Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Rente.
- Ein
Vorsorge-Gesundheitssystem für ältere Migrantinnen und Migranten sollte im
Bereich Gesundheitseinrichtungen, Krankenhäuser und Hospize vorhanden sein.
Bezogen auf die Gesundheitsfürsorge sollten die existierenden Strukturen der
Gesundheitsfürsorge - falls noch nicht vorhanden - und die Unterstützung an die
kulturellen Bedürfnisse der älteren Migrantinnen und Migranten angepasst
werden.
- Zu fördern
sind ebenfalls Formen der Selbsthilfe und Selbstorganisation.
- Soziale und
andere Hilfsdienste sind auf die Lebensbedürfnisse älterer Migrantenfamilien
hin zu erweitern bzw. auszubauen.
- Mitarbeiter sollten in allen Bereichen, in
denen ältere Migrantinnen und Migranten beraten, betreut und begleitet werden,
Weiterbildungs-, Supervisions- und Peer-Gruppen-Angebote erhalten.
- Zu fördern
ist ebenfalls die Bereitstellung praktischer Informationen für ältere
Migrantinnen und Migranten über das Recht auf Sozialhilfe, Renten,
Gesundheitsfürsorge im Gastland und dem Herkunftsland durch öffentliche
Institutionen, Gemeindezentren, Migranten-Organisationen, Kulturzentren und
religiöse Institutionen. Erleichterung der Verbindungen zwischen den älteren
Migrantinnen und Migranten und ihrem Herkunftsland ist deshalb eine logische
Folge.
- Zu fördern
sind Modellversuche von seniorengerechten Wohnformen und Wohninitiativen für
ältere Migranten.
Wir setzen uns
für eine interkulturelle Öffnung und Modernisierung der Altenhilfe durch
gezielte Kooperation mit Migranten-Organisationen, Beratungsstellen für
MigrantInnen und Selbsthilfeorganisationen ein.
7. Gesundheit der Migrantinnen und Migranten
In unserer Gesellschaft achten immer mehr ältere Menschen
auf ihre Gesundheit, sei es, dass sie auf ihr Gewicht achten, auf gesunde
Ernährung oder Fitness-Training nach dem Motto: Aktiv leben – gesund alt
werden! Das wachsende Gesundheitsbewusstsein ist eine positive Entwicklung.
Leider hat sie vor allem ältere Migrantinnen und Migranten
nicht in dem Maße erreicht, wie es sinnvoll wäre.
Bei ihnen hat der
Alterungsprozess ca. 10 Jahre eher eingesetzt als in der Regel bei
Deutschen, bedingt durch schwere
Arbeits- und Lebensbedingungen in der Migrationsphase. Besonders ältere
Migrantinnen sind häufig in einem besorgniserregenden Gesundheitszustand. Um
hier Abhilfe zu schaffen, treten wir für eine vermehrte Anstrengung ein, auch
diese Personengruppen über Prävention und Gesundheitsförderung besser
aufzuklären. Rückzugstendenzen zur eigenen ethnischen Bezugsgruppe der älteren
Migrantinnen und Migranten muss auch durch bedarfsgerechte Sportaktivitäten entgegen
gewirkt werden. Dabei empfehlen wir, mit
den jeweiligen Migranten-Organistionen zusammenzuarbeiten.
Dafür brauchen wir sprachlich und kulturell sensible
Aufklärungsprogramme zur Förderung von sozialen und gesundheitlichen Ressourcen
älterer Menschen mit Migrationshintergrund,
die auch von ihnen selbst
gestaltet werden können. Niedrigschwellige Angebote in Form von Kursen können
den Zugang zum Sporttreiben erleichtern.
Es gibt Migrantinnen und Migranten, die in ihrer neuen
Heimat durch bessere Gesundheitsversorgung eine steigende Lebenserwartung
haben. Problematisch ist dabei, dass sich mit dem Älterwerden der Migrantinnen
und Migranten auch bei ihnen vermehrt Demenz einstellt, die man im alten
Heimatland kaum kannte. Häufig kennen auch die Angehörigen diese Krankheit
nicht. Es bedarf hier spezieller Aufklärung. Ein besonderes Merkmal bei den an Demenz erkrankten Migrantinnen und Migranten ist, dass sie die
Sprache im Zweitland, die sie dort erlernt haben, vergessen. Das bedeutet, dass
sie einen besonderen Bedarf an Altenheimen haben werden.
Probleme können in absehbarer Zeit, d. h. in 10-15 Jahren,
die Versorgung älterer Migrantinnen und
Migranten bei Krankheit und Pflege verursachen.
Denn auch in den Familien mit Migrationshintergrund ändert
sich die Lebensweise, sodass die Familien weniger Kinder haben. Die Kinder der
Migranten stehen oft auch nach der Heirat im Berufsleben, sodass es nicht mehr
selbstverständlich ist, dass sie ihre Eltern im Alter betreuen und pflegen
können.
Ziel der Politik muss es sein, auch für Migrantinnen und
Migranten angepasste Wohnformen fürs Alter, Vorsorge für Pflege - auch
ambulante Pflege - zu schaffen sowie
Angehörige an Demenz erkrankten Migrantinnen und Migranten über Symptome,
Diagnostik und Therapiemöglichkeiten zu informieren und Begleitungs-,
Versorgungs- und Entlastungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
8. Beratung zur
Versorgung älterer Migrantnnen und Migranten
In Zukunft brauchen besonders ältere Migrantinnen und
Migranten vermehrt Hilfe.
Aber nicht zu leugnen ist, dass die Zugangsbarrieren der
Migrantinnen und Migranten zu den sozialen Diensten sehr hoch sind. Es mangelt
in der Regel den hilfsbedürftigen Migrantinnen und Migranten an Wissen um die
Existenz der sozialen Dienste und an sprachlicher Kompetenz für eine
erfolgreiche Verständigung.
Vorstellbar ist auch, dass es den Migrantinnen und Migranten
an Vertrauen in die Beratungssysteme und deren Mitarbeiter mangelt. Oft fühlen
sie sich von ihnen in ihrer Lebenssituation nicht verstanden und auch
stigmatisiert.
Eine weitere Hemmschwelle ist die Angst vor Behörden und
eventuellen ausländerfeindlichen Konsequenzen.
Ebenso muss auf strukturelle Zugangsbarrieren wie z. B.
Wohnortferne oder Öffnungszeiten hingewiesen werden, die mit den Arbeitszeiten
vieler belasteter Migrantenfamilien nicht in Einklang zu bringen sind.
Zu überlegen wäre, um dieses Problem in den Griff zu
bekommen, ob nicht auch vermehrt Fachkräften mit Migrationshintergrund der
Zugang zu Stellen in Verwaltung und sozialen Diensten gewährt werden müsste, um
den Migrationshintergrund zu berücksichtigen und interkulturelle Öffnung zu
realisieren.
Unser Ziel muss es sein, dass durch diese Fachkräfte mit
Migrationshintergrund in den Bereichen Altenhilfe, Gesundheitswesen, Aus- und
Fortbildung, Migrationsarbeit, Selbsthilfe-Organisation, Forschung, Politik und
in angrenzenden Tätigkeitsbereichen Impulse gegeben werden und sie in ihren Zuständigkeitsbereichen die Belange
älterer Migrantinnen und Migranten
berücksichtigen können, um deren Versorgungs- und Lebenslage zu
verbessern.
9. Bürgerschaftliches
Engagement
Aktuelle politische Debatten drehen sich immer mehr um das
brachliegende Potential älterer Menschen und das Bedürfnis, sie stärker für
gesellschaftliche und sozialpolitische Aufgaben zu gewinnen. Erstaunlich ist,
dass ältere Migrantinnen und Migranten dabei in der Regel nicht erwähnt werden.
Man sieht sie meist nur als homogene Gruppe mit einem
einheitlichen Lebenshintergrund, die im Alter pflege- und hilfsbedürftig ist
und verkennt ihr reichhaltiges Potential an Erfahrungen, Kenntnissen und
Fähigkeiten, die sie im Laufe ihres Lebens auch als Zuwanderer gewonnen haben.
Wir fordern Programme, die sich für kulturelle Vielfalt
einsetzen und sich den Bedürfnissen und Interessen von Migrantinnen und Migranten
anpassen, um sie so zur Teilnahme an bürgerschaftlichem Engagement zu
interessieren.
Eine große Bedeutung für den Integrationsprozess wäre gerade
das freiwillige Engagement älterer Migrantinnen und Migranten, die
gesellschaftliche und politische Verantwortung übernehmen wollen. Ihr reicher
Erfahrungsschatz, der für die örtliche Integration von Bedeutung sein könnte,
wird nicht entsprechend genutzt. Bedingung ist jedoch, dass sie mit den
jeweiligen Organisationsformen im bürgerschaftlichen Engagement vertraut
gemacht werden und ihnen Schulung und Qualifizierung zur Verfügung gestellt
werden. Ebenso wichtig für den Kontakt bei der freiwilligen Arbeit sind
verlässliche Vertrauenspersonen von beiden Seiten. Für diese Arbeit
interessiert sich jedoch nur ein geringer Teil der Migrantinnen und Migranten.
Erfahrungen zeigen, dass die typische repräsentative Form
des Ehrenamtes mit einem streng einzuhaltenden Sitzungsablauf von den meisten
Zuwanderern abgelehnt wird. Dagegen werden von ihnen Vorhaben in ihrem Wohn-
und Lebensumfeld bevorzugt, bei denen sie Mitsprache und
Mitwirkungsmöglichkeiten haben. Für die dauerhafte Aktivierung dieser
Zuwanderergruppe sind Möglichkeiten des informellen Lernens, z.B. in
Nachbarschaftszentren bereitzustellen.
Zu erwarten ist, dass durch freiwilliges bürgerschaftliches
Engagement der Zuwanderer und durch ein besseres Kennenlernen der jeweils
anderen Kultur ein Miteinander gefördert wird und Vorurteile auf beiden Seiten
abgebaut werden können. (Siehe: Kompetenz Zentrum Interkulturelle Öffnung der
Altenhilfe, Berlin, Ulrika Zabel)
10. Schaffung
von multikulturellen Seniorenzentren
Ein
konsequenter Schritt im Bereich der Integration auch älterer Migrantinnen und
Migranten sind multikulturelle Seniorenzentren und Altenheime.
Dazu gibt es
ein hervorragendes einzigartiges Altenheim mit Modellcharakter: das DRK – Multikulturelle Seniorenzentrum
in Duisburg.
1997 öffnete dieses multikulturelle Altenheim seine Pforten.
Durch fachliche und bauliche Konzeption hat es einen so genannten ethnischen
Schwerpunkt: Der Entwicklung eines zunehmend größer werdenden Anteils älterer,
pflegebedürftiger Menschen ausländischer
Herkunft soll Rechnung getragen werden.
Das Projekt ist voll gelungen, denn die konzeptionellen
Überlegungen ließen sich in der Praxis mit Erfolg realisieren und tatsächlich
auch die Versorgung und Integration pflegebedürftiger ausländischer Mitbürger
verwirklichen.
Die Öffnung eines Altenpflegeheimes für Menschen aus anderen
Kulturkreisen ist nicht leicht und erfordert für alle Beteiligten ein stetes
wachsames interessiertes Wahrnehmen und Handeln. Durch den Einsatz von
Empathiefähigkeit, Echtheit und der fast bedingungsfreien Akzeptanz
untereinander ist ein Milieu herangewachsen, das über das normale Maß hinaus
ein humanes und teilhabendes Leben für
die älteren Menschen anstrebt und
oftmals auch erreicht.
Ein weiterer Schwerpunkt: Die Belegschaft ist interkulturell geschult und die
Dienstleistungen sind ebenfalls interkulturell. Durch den langjährigen
gemeinsamen Lernprozess hat sich ein kollektives Handeln für alle ergeben.
Die Leitung bietet den Mitarbeitern regelmäßig
multikulturelle Fortbildung an, z.B. Sprachkurse und landeskundliche Kurse. Die
Teams erhalten bei Bedarf spezielle Supervisionen. Kulturelle Fragen und
Antworten bilden dabei den Schwerpunkt.
Den Bewohnern und Angehörigen macht die Einrichtung
besondere multikulturelle Angebote. Ein interkultureller Besuchsdienst,
Gebetsräume für Christen und Muslime, eine internationale Bibliothek, ein
wöchentlicher mediteraner Markt und die Ausrichtung von internationalen Festen
gehören dazu. In den vergangenen Jahren waren 250 Besuchsgruppen aus aller
Welt im Multikulturellen
Seniorenzentrum.
11. Bürger- und
Menschenrechte für Migrantinnen und Migranten
Kernanliegen
unserer Grünen Politik sind Bürger- und Menschenrechte für Zugewanderte und die
Einhaltung humanitärer Verpflichtungen gegenüber Flüchtlingen.
Falls es
Abschiebung in die Heimatländer gibt, dürfen besonders Schutzbedürftige, unter
ihnen kranke und ältere Menschen, nicht in Krisengebiete abgeschoben werden Die
Beendigung des Flüchtlingsstatus kommt nach internationalem Flüchtlingsrecht
nur dann infrage, wenn die Rückkehr der Betroffenen in ihre Heimatländer in
Sicherheit und Würde gewährleistet ist.
Auch illegal in
Europa lebenden Menschen stehen die grundlegenden Menschenrechte zu. Es darf
ihnen die Gesundheitsversorgung nicht verweigert werden. Ärzte, Sozialarbeiter
und Richter dürfen nicht zur Denunziation gezwungen werden. Wir werben für
einen Konsens in allen europäischen Ländern, um den betroffenen Menschen ein
Angebot zur Legalisierung zu machen. In Spanien, Frankreich, Belgien und
Griechenland existiert es schon.
Ute Schmitz, Oktober 2008