Demografischer Wandel als Chance


Beitrag Ute Schmitz / Grüne Alte

Es gibt gute Neuigkeiten. Wir leben länger als jemals zuvor. Die Bemühungen aller Regierungen, das menschliche Leben zu verlängern, tragen ihre Früchte.

Die Zahl der Alten über 65 Jahren wächst nach Prognosen bis zum Jahr 2050 weltweit von heutigen 7 % auf 26 %. In meiner Heimatstadt Mülheim an der Ruhr leben die meisten alten Menschen im Ruhrgebiet und die Stadt hat jetzt schon 24 % 65-Jährige. Wir müssen deshalb früher als andere Städte Lösungen für den demografischen Wandel finden.

Bedeuten diese Zahlen eine Bedrohung? - Eine Herausforderung? - Eine Chance?

Aber zunächst möchte ich mich und unsere Ziele kurz vorstellen:

Mein Name ist Ute Schmitz, ich komme aus dem KV Mülheim an der Ruhr. Dort bin ich im Seniorenbeirat und seit November 2006 eine der beiden Sprecherinnen von Grüne Alte bundesweit.

Wir sind ein Bundesverein, der sich im August 2004 in Berlin gegründet hat und seine Arbeit in freiwilligem Engagement macht. Unser Ziel ist es, die Altenorganisation der Partei Bündnis 90 / Die Grünen zu werden.

Da die Grünen sich für die Würde aller Menschen einsetzen, möchten wir unseren besonderen Beitrag für die Alten dazu leisten.

Wir wollen unser Leben bis ins hohe Alter, soweit es möglich ist, selbstbewusst und eigenverantwortlich gestalten, die Erfahrungen unseres langen Lebens, unser Wissen und unsere Kompetenz in die Politik einbringen. Wir wollen nach unserem Berufsleben die uns gegebene Zeit durch ehrenamtliche Tätigkeiten gesellschaftlich nutzen und uns somit in freiwilligem Engagement für Jung und Alt sinnvoll einbringen. Wir wenden uns gegen jede Form der Diskriminierung, ob offen oder verdeckt, auf dem Arbeitsmarkt, in der Öffentlichkeit, im Heim oder privat und setzen uns für Maßnahmen dagegen ein.

Das Altenbild hat sich gewandelt: Wir entsprechen nicht dem Klischee der armen hilflosen Alten noch dem der politisch ignoranten Alten. Wir wollen den gleichberechtigten Anteil aller Generationen in der Gesellschaft und in der Politik.

Um die Probleme der Zukunft zu bewältigen, brauchen wir eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Jungen.

Zu beobachten sind aufgrund unserer gesellschaftlichen Entwicklung Probleme bei jungen und alten Menschen. Die jüngere Generation hat vor allem Sorge um Arbeit und Auskommen, während viele Ältere sich heute vor Armut und Einsamkeit im Alter fürchten. Aber wir sehen in dem demografischen Wandel nicht den Kampf der Generationen, sondern eine Chance, gemeinsam mit den Jungen die Zukunft zu gestalten.

Da der Anteil der Jungen rückläufig ist und der Anteil der Alten steigt, werden es auch die Alten sein, die Zukunftsaufgaben mitschultern müssen. Bei den Alten schlummert ein großer Schatz an Wissen, Rat und Kompetenz, der gehoben werden muss.

(Eine kleine zusätzliche Anmerkung: Die Untersuchung hat ebenfalls heraus gefunden, dass nur die drei Länder, unter ihnen Deutschland, Facharbeitermangel haben, die ihre Menschen frühzeitig in Rente geschickt haben.)

Viele Ältere haben in langen Berufsjahren strategisches Denken, Handlungskompetenz und soziale Kompetenz erworben, haben aber auf der anderen Seite Lernbedarf in neueren Techniken, z. B. am Computer und im Internet.

Wir wollen unser Wissen im Beruf und privat durch Wissensaustausch, Training und Mentoring zwischen Jung und Alt weitergeben und fordern die Bereitstellung dieser Möglichkeit und des systematischen lebenslangen Lernens.

Aus diesen Gründen fordern wir, Bürgerinnen und Bürgern in der zweiten Lebenshälfte eine aktive Mitgestaltung zuzutrauen und die Voraussetzung für eine aktive Mitgestaltung zu schaffen.

Aus Zeitbegrenzung kann ich nicht unser ganzes Programm vorstellen, aber wer mehr über uns und unser Programm wissen möchte, kann es auf unserer Homepage (www.gruene-alte.de) finden.

Unsere Ideen wollten und wollen wir auch europaweit einbringen und austauschen, deshalb haben Dr. Wilhelm Knabe und ich von Grüne Alte als Deutsche neben Teilnehmern aus sieben anderen europäischen Ländern das European Network of Green Seniors ENGS im Dezember 2004 in Brüssel mitgegründet.“

In diesem Jahr kamen Teilnehmer aus Rumänien, Tschechien, Irland und Malta zu unserem 3. General Meeting und dem Fringe Meeting beim EGP-Council vom 12. bis 14. Oktober in Wien hinzu.

Zum Schluss möchte ich Ihnen den folgenden wenig bekannten Bericht nicht vorenthalten:

Es gibt 2007 eine Untersuchung des Institute of Aging der Oxford University mit dem Namen: The Future of Retirement. (Unter diesem Namen kann man ihn auch im Internet finden.)

Diese Studie konzentriert sich darauf, welche Wirkung die älteren Menschen auf die Gesellschaft hat. Dieser Bericht steht ganz im Gegensatz zu der Meinung, dass die älteren Menschen zu finanziellen Krisen, zu Abhängigkeitsverhältnissen, zu Belastungen unseres Gesundheitswesens und zum Zusammenbruch familiärer Verbindungen führen.

Das Institut hat in 21 Ländern auf allen Kontinenten, auch in Deutschland, 21.000 Menschen im Alter zwischen 49 und 70 Jahren befragt und kommt in seinem Bericht zu folgendem Ergebnis:

Leute im Alter von 60 und 70 Jahren sind ein enormer Vorteil und Gewinn für die Gesellschaft und keine Belastung.

Die einzelnen Familien sind heute kleiner, aber vier und fünf Generationen sind keine Seltenheit. Die meisten Befragten glauben, dass der Zusammenhalt in den Familien groß ist und die Familie verantwortlich für das Wohlergehen ihrer Mitglieder sein soll.

Die meisten heutigen 60- und 70-Jährigen fühlen sich fit und gesund, unabhängig und leben selbstständig.

Sie sind in der Lage, Dinge zu tun, die sie auch als 40 und 50-Jährige taten.

Der Ruhestand wird nicht länger als eine Periode betrachtet, in der es mit den Menschen bergab geht oder sie in Abhängigkeit geraten. Immer mehr wird sie als Phase des Lebens gesehen, die genossen wird.

Ältere Leute (hier die über 60-Jährigen) leisten weltweit einen enormen Beitrag für die Gesellschaft, in der Wirtschaft und auf sozialem Gebiet, in freiwilligem Engagement und für die Karrieren ihrer Familien. Sie leisten mehr, als sie zurückbekommen.

- Sie leisten einen Beitrag von Milliarden von Dollars für die weltweite Wirtschaft durch freiwillige Arbeit, aber auch durch bezahlte Arbeit und das Zahlen von Steuern.

In Deutschland leisten sie durch freiwilliges Engagement mit mehr als 40 % einen enormen Beitrag für ihre Kommunen. Positiv zu erwähnen ist hier die Stadt Arnsberg mit einem zu genehmigenden Haushalt, die schon vor 16 Jahren ein Zentrum für freiwilliges Engagement aufgebaut hat und somit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte: Sie konnte ihr soziales Engagement halten und erweitern, einen Zusammenhalt zwischen Jung und Alt schaffen und manche Alten aus der Isolation holen.

- Ältere Menschen leisten durch bezahlte Arbeit (in Deutschland sind es weniger, da nur noch ca. 45 % der 60-Jährigen in Arbeit sind) und durch das Zahlen von Steuern ihren Beitrag.

- Ältere Menschen leisten große Unterstützung für die Familie und Freunde. Sie stellen einen großen Anteil an Pflege durch Hilfe beim Anziehen, durch Baden oder bei Krankheit bei Partnern, Kindern und Freunden. Sie unterstützen Freunde und Familie durch praktische Hilfe im Haushalt wie putzen, einkaufen, kochen und andere tägliche Verrichtungen und leisten zusätzlich einen beträchtlichen finanziellen Beitrag für jüngere Menschen, in der Familie ihrer Kinder und in deren Haushalten durch Geschenke oder Kredite.

Auf einem vor mir fahrenden alten Fiat war zu lesen: Sponsert by Oma.

Das ist in jedem der Bereiche mehr Unterstützung als die Alten zurückbekommen.

Den Schluss-Satz in dem Bericht möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

Diejenigen mit Einfluss in unseren Regierungen, in den Kommunen und an den Arbeitsplätzen müssen Maßnahmen garantieren und einsetzen, um älteren Menschen zu ermöglichen, so lange sie wollen aktiv zu bleiben.

Ich denke, dem ist nichts mehr hinzu zu fügen.