Zweiter
Bericht des Medizinischen Dienstes (MDS):
Verbesserungen
im Gegensatz zu 1997, aber auch Kritik
In Deutschland gibt es 10.0000 Pflegeheime und 12.000
ambulante Pflegeeinrichtungen.
Seit 1997 führte der MDS 32.553 Kontrollen in 80 %
der Heime und 66,6 % der ambulanten Pflegedienste durch, die Hälfte erfolgte
unangemeldet.
Seit zehn Jahren ist eine Verbesserung zu beobachten.
Laut MDS ist sie auf formale Kriterien wie Fortbildungspläne zurückzuführen.
Allerdings ist die Qualitätsverbesserung bei der direkten Versorgung weniger
stark ausgefallen.
Erstes Halbjahr 2006: In Heimen ist jeder zehnte Bewohner
schlecht versorgt, bei Pflegebedürftigen zu Hause sind es 5,7 %.
2004 lag der akut unzureichende Pflegezustand noch bei
17,4 % der Heimbewohner und bei 8,8 % der Pflegebedürftigen zu Hause.
Der Bericht über das erste Halbjahr 2006 weist
besonders bei der Ernährung und Flüssigkeitsversorgung bei 34,4 % der Heimbewohner
und 29,6 % der ambulant Gepflegten Defizite auf.
Das muss allerdings nicht unbedingt Unterversorgung
oder mangelhafte Ernährung sein. Zu einer schlechten Bewertung dieses Punktes
führten auch mangelhaft vorgenommene Gewichtskontrollen bei den Bewohnern und
eine fehlende Ermittlung des Energiebedarfs.
Außerdem bemängelten die Prüfer, dass 35 % der
Heimbewohner und 42,4 % der zu Hause Gepflegten nicht oft genug umgebettet
werden. Rückschlüsse über Wundliegen könne man daraus aber nicht ableiten.
15,5 % der Heimbewohner erhalten in dem sensiblen
Bereich Inkontinenz eine unangemessene Versorgung, zu Hause sind es 21,5 %.
Bei psychischen Erkrankungen im Alter werden im Heim
30,3 % und ambulant 26,1 % unzureichend betreut.
Generell müssen mehr Anlaufstellen für psychisch kranke
Alte in ihrer Nähe geschaffen werden. Sie sind noch lange nicht in allen
Städten vorhanden. Oft wissen Alte nicht, an wen sie sich wenden sollen. Hier
muss dringend Abhilfe geschaffen werden.
Teure Einrichtungen sind laut Bericht nicht
automatisch besser, noch sagt ein Zertifikat etwas über die Pflegequalität aus.
Es ist zu begrüßen, dass sich die Qualität insgesamt verbessert hat, aber
welche Heime nicht empfehlenswert sind, darf der MDS nicht veröffentlichen.
Aus diesem Grund ist es für Pflegebedürftige und
deren Angehörige schwer, die Pflegequalität in Einrichtungen zu beurteilen.
Hier fordern wir Transparenz im Interesse aller.
Da nach Schätzungen nur 20 % der Heime einmal im Jahr
geprüft werden und das zum Teil nach Ankündigung, fordern wir, dass unangekündigte
Kontrollen mit verbindlichen einheitlichen Qualitätsstandards in den Heimen und
ambulanten Diensten durchgeführt werden müssen, um dann wirklich beurteilt
werden zu können.
Ebenso fordern wir härtere Konsequenzen bei
qualitativ schlechten Pflegeheimen und -einrichtungen und mehr Kontrollen des
medizinischen Dienstes, ob die abgerechnete Leistung auch erbracht wurde.
Schlechte Pflege hat verschiedene Ursachen.
Laut VdAK (Verband der Angestelltenkrankenkassen)
müssen heute ca. 300 Euro mehr pro Monat und Pflegesatz je Pflegebedürftigen
ausgegeben werden, aber die Pflegesätze wurden nicht erhöht.
Pflegestufe I (im Bundesdurchschnitt 1998): 1.589,76
Euro, Pflegestufe II: 1.952,10 Euro und Pflegestufe III: 2.389,34 Euro
Benötigt werden heute: 1.890,60 Euro (Stufe I), 2.264,46
Euro (Stufe II) und 2.660,84 Euro (Stufe III).
Andere Ursachen sind die zu geringe Personalstärke:
Nicht nur zu Pflegende leiden darunter, sondern auch Pfleger, wenn sie zum
Beispiel bis an den Rand der Erschöpfung arbeiten müssen. Viele Pflegerinnen
und Pfleger verrichten ihre Arbeit mit großem Engagement, aber verzweifeln oft
an den Umständen. Die Zahl der Pflegekräfte, die sich berufsunfähig schreiben
lassen muss, ist hoch. Es darf nicht sein, dass es aus Zeitmangel zu
Zwangsberuhigung mit Medikamenten, unwürdiges Zwangswindeln und Zwangsernährung
gibt. Deshalb ist dringend zu fordern, dass mehr Personal eingesetzt wird.
Die Bezahlung dieser schweren Arbeit ist schlecht.
Hier fordern wir höhere Löhne für die Mitarbeiter. Außerdem ist eine
fortlaufende Qualifizierung des gesamten Personals in allen Einrichtungen zu
fordern.
Ein leider auch wesentlicher Punkt ist die zu viel
geforderte Schreibarbeit, die die Zeit für den Patienten zusätzlich reduziert.
Deshalb fordern wir in diesem Bereich eine dringend notwendige organisatorische
Umstrukturierung.
Es gibt sicher gute Heime, in denen Professionalität
und Qualität große Bedeutung haben, aber wir sollten weg kommen von den Heimen
mit großen Bewohnerzahlen und hin zu Wohngemeinschaften, in denen die Bewohner
selbst bestimmt leben, den Tag weitgehend mitstrukturieren können und die Dinge
verrichten dürfen, die sie noch tun können und an denen sie Freude haben.
Nichts ist schlimmer als keine Aufgabe im Leben mehr zu haben, wenn man dazu
noch fähig ist.
Ute Schmitz
(Quellen: NRZ und MDS-Prüfbericht)