Mein ganz persönlicher Bericht von der Rollstuhlsternfahrt zum
Welttag der Menschen mit Behinderung am 3.12.2008
von Ute Schmitz
Ein Anruf von unserer KV-Geschäftsstelle in Mülheim: „Ute,
hast Du Zeit, am 3.12.08, dem Welttag der Menschen mit Behinderung an einer
Rollstuhlsternfahrt teilzunehmen – auch organisiert zum 30. Bestehen des AGB
(Arbeitsgemeinschaft der in der Behindertenarbeit Tätigen Vereinigungen)?“
Zögern meinerseits. - Was kommt da auf mich zu? Kann ich das schaffen? Warum ich?
„Unsere Oberbürgermeister-Kandidatin Barbara Steffens ist leider in Düsseldorf
verhindert. Du bist Sprecherin der „Grünen Alten. Das passt doch!“ Ich lass
mich überreden. Wer nimmt teil? Ich höre: Ansonsten sind Oberbürgermeister-Kandidaten
und amtierende wie ehemalige Bürgermeister aller Parteien von der Partie.
Eine Herausforderung: Sehe ich doch in dem Wohnstift Raadt, in dem mein 96-jähriger Vater seit Juni ist, viele
ältere Leute, die sehr geschickt mit dem Rollstuhl umgehen. Kann ich das auch,
ohne üben? Ich gucke ab jetzt genauer hin, wie sie das machen.
Der Tag rückt näher. Bloß den Termin nicht verschwitzen!
Pünktlich um 10.30 Uhr bin ich in der Stadthalle. Mein
erster Blick fällt auf die lange Reihe von handbetriebenen Rollstühlen. Der mit
dem dunkelroten Gestell gefällt mir gut.
Jedem Teilnehmer wird ein Begleiter zugeordnet. Gott sei
Dank, ich bin nicht allein. Heimlich habe ich vorher gedacht, wenn Du irgendwo
hängen bleibst, kannst du ja einfach aufstehen und den Stuhl schnell weiter
schieben und dann steigst du wieder ein.
Das ist streng verboten, ich habe ja meine nette
Begleiterin, Frau Dorzack vom Gesundheitsamt, die auch sehr neugierig auf das
Experiment ist.
Einführung in die Handhabung des Rollstuhls – gar nicht so
schwer - sehr wendig - damit kann man ja richtig im Takt tanzen.
Verteilung der Wegstrecken. Bloß keine Bus- oder Bahnfahrt!
schießt es mir durch den Kopf.
Gewonnen! Ich darf von der Stadthalle aus per Handbetrieb
mit dem Rollstuhl zum Bürgeramt fahren. Alle anderen
fahren von verschiedenen Stadtteilen aus mit Bus und Bahn zum Ziel. Auf dem
Rückweg zur Sparkasse Stadtmitte soll ich dann ein paar Brötchen beim Bäcker
Hemmerle auf der Schloßstraße kaufen. Hört sich gut
an.
Es geht los! Schon nach ca. 20 Metern Richtung Stadt muss
eine kleine Steigung bewältigt werden, um auf den Bürgersteig zu gelangen. Gott, ist das
anstrengend! Mit Mühe schaffe ich es. Weiter geht es ohne Mühe gerade aus. Dann
ein kleines Gefälle. Zum Glück ist meine Begleitung dabei, die im Notfall
mitbremsen kann. Überquerung der Baustelle Richtung Kaufhof ist nur mit Hilfe
meiner Begleitung möglich. Ich bleibe zum ersten Mal stecken. So, nun geht es
über die Ampelanlage Richtung Wallstraße. Ist ja neu gemacht. Dürfte kein
Problem sein. Es ist rot. Zwei Bahnen kommen. Ich rolle ein kleines Stück
zurück und halte krampfhaft die Räder fest, nur nicht aus Versehen vorrollen.
Einer der beiden Straßenbahnfahrer hat mich im Auge und fährt besonders
vorsichtig an mir vorbei. Ich bin berührt.
Dann entdecke ich auf der anderen Seite der Ampelanlage eine
Bekannte.
Wie wird sie auf mich reagieren, denke ich. Ich werde von
den Wartenden ernst angeschaut und die Bekannte hat meine Lage mit Entsetzen
wahrgenommen. Sie stürzt auf mich zu und ruft, was hast Du denn gemacht? Ich
will nichts verraten und sage, das passiert eben.
Aber schon bleibe ich auf dem Zebrastreifen an einer ca.
zwei Zentimeter hohen Steinkante hängen und komme mit den vorderen kleineren
Rädern nicht weiter. Meine Begleiterin kippt den Rollstuhl ein bisschen nach
hinten und so schaffen wir es gemeinsam. Weiter geht es recht einfach bis zur
Ecke, an der das Handarbeitsgeschäft Heinemann liegt. Dort gibt es eine leichte
Steigung bis zum Bürgeramt. Kein Problem! Denkste!
Ich muss fünfmal eine Pause machen, um die kurze Strecke zu bewältigen.
Bin mittlerweile nass geschwitzt. An uns geht eine
Kindergartengruppe vorbei. Die Kindergärtnerin guckt mich ganz besonders nett
an. Sie macht die Kinder darauf aufmerksam, vorsichtig zu sein. Einige ausländische
Kinder sagen „Hallo“, andere nehmen keine Notiz von mir.
Endlich komme ich am Bürgeramt an.
Mein Auftrag ist, dort zu bitten, auf die Toilette gehen zu dürfen. Die
automatische Türe öffnet sich von selbst, also kein Problem rein zu kommen.
Jetzt fahre ich an den wartenden Personen vorbei, weil ich ja zur Toilette
möchte. Der junge Mann hinter dem Schalter sieht Vertrauens erweckend aus. Ich
spreche ihn an, spontan und sehr freundlich überreicht er mir den
Toilettenschlüssel. Auf meine Frage, wo denn die Toilette sei, sagt er: „Gehen
sie hier links und dann ist sie auf der rechten Seite. Oh, das war ein Fauxpas,
das mit dem Gehen.“ Ich muss innerlich grinsen und denke, wenn der wüsste und
sage: „Das macht doch nichts.“ Ich frage mich, ob man genauso gelassen
reagiert, wenn man wirklich im Rollstuhl sitzt. In einem Rollstuhl hat man
einen ganz anderen Blickwinkel, deshalb erkenne ich das WC-Schild nicht sofort.
Es ist ein wenig von der dicken Toilettentür verdeckt und könnte vor ihr und
nicht hinter ihr angebracht sein. Bei der Besichtung der Toilette stelle ich
fest, dass sie für Behinderte perfekt ist.
Also, an den freundlichen jungen Mann ein besonderes Lob für
Hilfsbereitschaft und an das Amt für Barrierefreiheit.
Jetzt geht es nur abwärts, wunderbar, ohne Anstrengung.
Wieder einmal, denkste! Was man als Fußgänger so gut wie nicht wahrnimmt, ist
das Gefälle eines Bürgersteiges. Ich musste ordentlich gegensteuern, um nicht
in die Straßenrinne zu fahren. So, der Weg führt uns
nun über den Kohlenkamp zu der Bäckerei Hemmerle. Jetzt endlich ohne
Anstrengung! Auch hier weit gefehlt! Selbst der Kohlenkamp, der wirklich nur
eine sehr minimale Steigung hat, wird zur Anstrengung. Dazu kommt, dass er als
fußläufige Zone ein beidseitiges Gefälle zur Mitte hat. Gewöhnungsbedürftig!
Ich nehme für mich in Anspruch, die Mitte zu benutzen. Sollen die Leute doch
bitte zur Seite treten, was sie auch tun.
Vor Hemmerle. Wie gut, es gibt neben den Stufen eine Rampe
ins Geschäft. Aber nur gut gemeint, denn bei den mehrfachen Versuchen ins
Geschäft zu gelangen, wäre ich mit dem Rollstuhl hinter über gestürzt, wenn
mich meine nette Begleiterin nicht aufgefangen hätte. Selbst wenn ich bis zur
Türe gekommen wäre, hätte ich sie gar nicht öffnen können. Dieser Versuch wurde
beobachtet und ein freundlicher Herr mit rotem Schal bot sofort seine Hilfe an.
- Das mit dem Brötchenkauf hat also nicht geklappt.
Aber auf der anderen Seite gibt es ja die Bäckerei Oebel. Zweiter Versuch. Alleine wäre es mir nicht möglich
gewesen, die Doppel-Glastüre zu öffnen, die Griffe waren zu hoch. Mit Hilfe
einer Verkäuferin gelang es, in den Laden zu kommen. Das Raus gestaltete sich
auch schwierig, aber Frau Dorzack gelang es dann doch, den Rollstuhl auf die
Straße zu schieben. Ratloses Gesicht bei der jüngeren Verkäuferin hinter der Theke,
die mit Worten dirigierte.
Die Schloßstraße hinunter Richtung
Kaufhof - endlich kein Problem, es alleine zu bewältigen, da leichtes Gefälle.
Welch eine Erleichterung. Unterwegs treffe ich einen ehemaligen mich ansprechenden
Grünen, dem ich meine Rollstuhlfahrt nun offenbare. Der Zebrastreifen am Ende ist
gut passierbar.
So, fast geschafft. Nur noch der Ampelübergang zur
Sparkasse. Neu gemacht. Prompt bleibe ich wieder an einer nur ca. 2 cm hohen
Steinkante hängen. Ist doch wirklich nicht hoch. Frau Dorzack rettet mich. Den
zweiten Teil kann ich alleine schaffen, aber nur, weil ich den abgesenkten
Fahrradweg benutze. Endlich treffen wir auf dem Vorplatz der Sparkasse ein.
Sieht schön aus, kleines Pflaster, nichts für Rollstühle, aber es gibt einen
Rundweg mit gut befahrbaren Platten, der aber an einem Restaurant mit
Blumenkübeln verstellt ist.
Ich bin von der Hüfte an ein
Eisblock, obwohl ich mich warm angezogen habe und oberhalb total verschwitzt.
In der Sparkasse treffen wir auf Gäste und wir
Teilnehmer tauschen unsere Erlebnisse
aus. Da wir dann oben im 4. Geschoss zu einer kleinen Feier geladen waren,
stellen wir fest, dass dieses Haus sehr Rollstuhl-feindlich ist, da es nur mit
Hilfe gelingt, den Fahrstuhl zu verlassen. Nicht nur ein Rollstuhlfahrer fuhr
unfreiwillig zweimal rauf und runter, bis er erlöst wird.
Mein Vorschlag: Jedem Städteplaner, auch vom Straßenbau,
müsste es zur Pflicht gemacht werden, bevor er plant, die Stadt im Rollstuhl zu
erkunden.
Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es für
Rollstuhlfahrer, aber auch Begleiter so anstrengend ist. Deshalb ein besonderes
Dankeschön an Frau Dorzack, meine Begleiterin für ihre Hilfe. Man braucht eine
sehr gute Kondition und Muskelkraft in den Armen.
Mein Rat: Lassen Sie sich bei Bedarf einen Rollstuhl mit
Motor verschreiben.
Viele Rollstuhlfahrer trauen sich bestimmt nicht alleine in
die Stadt, vor allem auch, wenn sie mit Bus und Bahn unterwegs sein müssen,
denn das hat sich bis auf Ausnahmen schwierig gestaltet und wäre ohne Begleiter
nicht zu schaffen gewesen.
Ich bin jedoch sehr froh, diese Erfahrung gemacht zu haben.