Agenda 2010: Dauerbaustelle ins Nichts

 

Erinnern wir uns an die Blütenträume des rot-grünen Regierungsantritts 1998. Wenn es nicht gelänge, die Arbeitslosigkeit unter 3 Mio. zu drücken, verdiene es der Kanzler nicht wiedergewählt zu werden, hieß es kurze Zeit danach. Heute liegt die Arbeitslosenquote bei 4,5 bis 5 Mio. mit steigender Tendenz. Der Grund dafür liegt nur zum Teil im konjunkturellen Verfall durch das internationale Platzen der New- Ökonomie- Blase im Jahre 2000. Hausgemacht ist die parallel dazu verlaufende Sparpolitik, die die rezessiven Tendenzen verstärkt hat bei gleichzeitigem Verzicht auf finanzielle Einnahmen durch Steuergeschenke an Großunternehmen.

 

Nun befinden wir uns auf der nächsten eröffneten Baustelle mit Namen „Agenda 2010“. Statt mehr Arbeitsplätze gibt es nun Druck auf die Arbeitslosen mit dem Ergebnis eines weiteren Nachfragerückgangs und dadurch bedingt Arbeitsplatzverluste in der Größenordnung von ca. 300.000, wie Gustav Horn einer der Wirtschaftsweisen ermittelte, mit dem zusätzlichen Resultat einer massiv wachsenden Randständigkeit innerhalb der Bevölkerung.

 

Eine schwarz-gelbe Regierung hätte sich ein solches Bündel von Maßnahmen schon deshalb nicht getraut, weil sie den massiven Oppositionsdruck von rot-grün hätte fürchten müssen. Damit ist einmal mehr demonstriert: egal welche Regierung am Ruder ist, die Kernprobleme dieser Gesellschaft werden nicht gelöst, die Arbeitsplatzmisere wird immer größer, stattdessen aber die Situation verschlimmbessert. Gleichzeitig sind die Sündenböcke ausgemacht, die Gewerkschaften, denen man versteinerten Traditionalismus vorwirft.

 

Warum erweist sich die Politik - egal welche Partei die Verantwortung trägt - als so hilflos? Der Grund ist klar: die eigentlichen Ursachen geraten bei der Analyse der Situation von vornherein gar nicht in den Blick. Eine der Hauptursachen ist, dass in den letzten Jahrzehnten von Zyklus zu Zyklus die Arbeitsproduktivität schneller wächst als das gesamtwirtschaftliche Wachstum mit der Folge ansteigender Rationalisierungsinvestitionen und Fusionen im Verhältnis zu den Erweiterungsinvestitionen insgesamt. Auch der immer so vielbeschworene Dienstleistungssektor befindet sich dazu in einem Abhängigkeitsverhältnis mehr oder weniger. Parallel dazu verläuft dieser Prozess auch im öffentlichen Dienst bei immer leerer werdenden Kassen.

 

Die logische Folge ist, dass das volkswirtschaftliche Gesamtarbeitsvolumen, von dem die Anzahl der Bereitstellung von Arbeitsplätzen ja abhängt, tendenziell abnimmt. Insgesamt müssten also alle weniger arbeiten, wenn Erwerbsarbeitsplätze für alle ein wirkliches Ziel wäre. Es sei denn, wir hätten weltweit Wachstumsraten wie in den letzten Jahren z. B. in China zu erwarten, unter den vorherrschenden weltwirtschaftlichen Bedingungen eine absurde Vorstellung.

 

Aber die eigentlich so simple Logik hat in unserer Gesellschaft keine Aussicht auf Anerkennung, weil die herrschende Interessenpolitik sich als Dauerrebellion gegen die Tatsachen erweist. So erweist sich die von Schröder propagierte Agenda 2010 als umfangreiches Kostensenkungsprogramm in der Arbeitslosen- und Rentenversicherung, das sich, da es kleine Einkommen am härtesten trifft, konjunkturschädigend auswirken wird und das Desaster nur vergrößert.

 

Da sich so ziemlich alle Interessengruppen wie auch sämtliche politischen Parteien weigern, Arbeitszeitverkürzung, Abbau von Überstunden sowie eine stärkere Förderung der Teilzeitarbeit überhaupt öffentlich zu diskutieren, bei gleichzeitiger schrittweiser Heranziehung von Wertschöpfung, größerer Vermögen und Einkommen in die Versicherungsleistungen, wird das finanzielle Loch infolge fehlender Steuereinnahmen und damit das Chaos und die Politikunfähigkeit allseits vergrößert. Dabei wird der rückläufige demographische Faktor auch bei den Grünen noch zur Keule der Durchsetzung einer ganz und gar falschen Politik des Sozialabbaus zu Lasten der kleinen Leute, wobei die großen natürlich wieder geschont werden. Wer hat, dem wird gegeben.

 

Gehörte es in früheren Zeiten zu den großen Erfolgen der politischen Linken einen Achtstundentag, den freien Samstag, sowie die paritätische Übernahme von Versicherungsleistungen bei Alter, Krankheit und Erwerbslosigkeit erkämpft zu haben, so ist sie heute in nichts von liberalen und konservativen Parteien zu unterscheiden. So wird durch ein großes politisches Kartell von Regierung und Opposition die Bevölkerung um die Früchte des technischen Fortschritts gebracht. Im Gegenteil wird dieser zum allgemeinen Fluch durch immer höhere Arbeitslosenzahlen, soziale Spaltung und Abstieg sowie leere Kassen verkehrt.

 

Politische Hegemonie lässt sich so nicht sichern – ob mit oder ohne Schröder. Der Kanzler sitzt in der Falle. Frust im eigenen Lager, „Die Wut wächst!“ - wie Oskar richtig titelte, auf der anderen Seite diejenigen, die für sich und ihre Interessenkartelle die Rosinen aus der sogenannten Agenda herauspicken. Und die Grünen ? Sie waren ursprünglich als Partei der sozialen Emanzipation entstanden unter dem Stichwort „Sinnvolle Arbeit für alle“. Heute degenerieren sie immer mehr zu einer Ersatz- FDP für gehobene Ansprüche. Der von der Basis erzwungene Sozialkongress wurde nach Cottbus an die polnische Grenze verlegt.

 

Was wäre also die Lösung? In die Sozialversicherung, besonders die der Rentenversicherung gehört die dritte Säule nach dem Vorbild der Schweiz, d.h. eine prozentuale Erhebung nach Einkommen für alle vom Transferleistungsbezieher bis zum Einkommensmillionär. So ließen sich trefflich die Lohnnebenkosten senken nach dem Motto: „Die Millionäre brauchen die Schweizer Rentenversicherung nicht, aber diese die Millionäre“. Lediglich 1 % würde hier schon Wunder bewirken. Außerdem wäre jede/r stolz darauf, eigene Ansprüche erwerben zu können. Eine Maßnahme, die in ihrer Logik bestechend und für jeden einsehbar wäre. Aber in unserer Lobbyistenrepublik sind die einfachsten Lösungen die schwierigsten. Und warum auf einfache Art regieren wenn’s auch kompliziert geht?

 

Hubert Niehoff, April 2003