Veranstaltung
von Bündnis 90 / Die Grünen NRW und der Grünen Alten
“Wirtschaftliche
und soziale Chancen einer alternden Gesellschaft“
23. April 2005, Wissenspark Gelsenkirchen
Die TeilnehmerInnen der 1.
Fachtagung wurden von Dr. Wilhelm Knabe begrüßt, dem Vorsitzenden der vor acht
Monaten gegründeten “Grünen Alten“:
Die Alten sollten nicht
mehr unter dem Problem der Belastung gesehen werden, sondern die Grünen Alten
engagieren sich dafür:
-
mehr Gehör in der Gesellschaft
finden,
-
mehr gesellschaftliche Bedeutung
in der Gesellschaft bekommen,
-
die Suche nach neuen Wegen mit
der Jugend,
-
mehr Eigenverantwortung im
Alter,
-
mehr Selbst- und
Mitbestimmung.
Die
Moderation hatte Irmgard-Schewe-Gehrigk, MdB, die Folgendes voranstellte:
Der
Begriff “Demografischer Wandel“ könnte zum Wort des Jahres 2005 werden. Die
sozialen Sicherungssysteme sind aus dem Lot. Deshalb stellt sich die Frage, was
in einer Gesellschaft getan werden muss, in der die Menschen immer älter
werden.
Jedes
zweite Mädchen, das heute geboren wird, hat die Perspektive, 100 Jahre alt zu
werden.
Deutschland
hat wenig Kinder, schrumpft und ergraut. Ohne Zuwanderung gibt es 2050 30
Millionen Deutsche weniger und die Mehrheit ist dann über 50 Jahre alt. All das
sind Gründe, den demografischen Wandel aktiv zu gestalten. Das Alter darf nicht
nur als Belastung gesehen werden, sondern die gewonnene Lebenszeit kann auch
ein Gewinn für die Gesellschaft sein. Die heutigen Alten sind aktiv, ziehen
sich nicht aus der Gesellschaft zurück und haben viel Erfahrung, die man nutzen
kann.
Unsere
heutige deutsche Wirklichkeit sieht jedoch anders aus, prozentual sind wenig
Beschäftigte über 50 Jahre. Aber man kann schon einen Wandel in der Bewertung
der Alten, vor allem in der Werbung erkennen. So wird in der ADAC Motorwelt
schon für Treppenlifter und Blasentee geworben.
Die
Grünen Alten wollen die Politik aktiv gestalten.
Der
erste Vortrag der Veranstaltung war von Dr. Josef Hilbert vom “Institut Arbeit
und Technik NRW“ und stand unter dem Motto:
“Dienstleistungen
für ältere Menschen/Wirtschaftliche und soziale Chancen “
Alte Menschen werden die
Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft prägen. Verbesserung der Lebensqualität
im Alter ist ein Ansatz zur Aktivierung von Wachstums- und
Beschäftigungspotentialen.
Neue
Arbeitsplätze könnten in Zukunft im Bereich : Gesundheit, Wohnen, Lifestil;
Dienstleistungsbereich für Ältere entstehen:
Im Bereich
Gesundheit: integriertes
Versorgungsangebot durch hochqualifizierte Fachleute im Bereich
Ernährung
Bewegung
Wohnen: Angebote
mit Service in der mittleren Preiskategorie
(z.B.
Handwerk richtet seniorengerechtes Wohnen ein)
Freizeit: Abbau
von Barrieren, mehr Komfort und Qualität
Veranstaltungen, Kultur, Sport, Telekommunikation und
neue Medien (Internet)
Dienste: preislich
akzeptable haushaltsnahe Dienstleistungen
Kaufkraft
älterer Menschen mobilisieren (z. B. Tourismus, Mode etc.)
Dadurch
sollen ca. 1 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen:
- 200.000 – 400.000 in der Altenhilfe
- 500.000 in der Dienstleistung, Freizeit,
Bildung, Kultur, Wohnen, Sport
Kritik
am Modell wurde geäußert:
- Die Renten werden sinken.
- nur für reichere Rentner nicht für ärmere
- Das Konzept ist zu stark auf Profit
ausgerichtet.
- Fachleute werden entlassen und für
Billiglöhne wird gearbeitet.
Positiv
ist,
dass
die Alten durch die Angebote aktiv bleiben,
neue
Arbeitsplätze geschaffen werden, wenn auch auf längere Sicht,
Spezialangebot
für Ältere (z. B. Internet)
Dagegen gestellt wurde:
- dass
es durch die wachsende Zahl der Alten einen Strukturwandel geben muss und man
langfristig denken muss
- dass
die heutige Altenpflege ein Problem durch zu wenig Geld und schlechtes
Management ist.
- dass die Branche wächst, weil es mehr
Alte geben wird und Betreuung sein muss.
- dass
der Dienstleistungssektor Geld verdienen will. Wenn er auf die Bedürfnisse der
Alten eingeht, kann er das auch. Das Wirtschaftswachstum wird dadurch getragen.
Wenn die Ökonomie wächst, kann auch den ärmeren unter den Rentnern besser
geholfen werden.
Der
Zweite Vortrag hatte das Thema: “Neue Wege in der Pflege“ von Christel
Bienstein, Leiterin des Instituts für Pflegewissenschaften der Universität
Witten/Herdecke, Mitglied der Enquete-Kommission Zukunft der Pflege im Landtag
NRW Ihr Ansatz: Sie versucht seit 15
Jahren die Pflege wissenschaftlich zu untermauern.
Sie
zeigte auf, dass die Pflege immer komplexer wird und jeder 5. Pflegebedürftige
unter 65 Jahren ist. Es sind 4 Millionen in der BRD. Der größte Pflegedienst
ist die Familie, wobei es ca. 225.000 pflegende Kinder zwischen 3 und 18 Jahren
gibt.
An
Beispielen konnte sie plastisch häufige Pflegefehler darstellen, die auch zum
Tode führen können,
- z.B.
ist die Bettpfanne bei Herzinfarkt eine Gefahr, da durch den Balanceakt auf der
Pfanne der Blutdruck steigt, besser ist die Toilette in Begleitung aufzusuchen
- oder auch auf der Intensivstation ist
Besuch wichtig,
- dass zu langes Nüchternsein
gefährlich ist,
- wie auch zu weiche Matratzen bei
Schlaganfällen,
- dass
die Kranken schnell in Genesungshotels gebracht werden sollen, damit nicht zu
viel an ihnen herum behandelt werden soll,
- 50% der zu Pflegenden seien
mangelernährt, es gibt zu viele Magensonden, etc.
In
diesem Bereich gibt es nur 0,005 Prozent gesichertes Wissen.
70
% der alten Menschen wollen nicht ins Heim.
Für
Frau Bienstein liegt viel im Argen, deshalb erarbeitet sie wissenschaftlich
fundierte Kriterien für:
Standards
für Entlassungsmanagements - Sie müssen einklagbar sein
Standards
bei hohem Schmerzpegel - Was müssen Ärzte, vor allem deutsche Ärzte wissen?
Sturzstandards
- Was müssen Krankenhäuser und Altenheime wissen?
Beratung
z. B. bei Inkontinenz
Neue
Pflegeberatung – die alte Beratung ist bei 30 Mill. Euro Ausgabe katastrophal
Patienteninformationszentren
Family
Health Nurse – die gezielt begleitet wie früher die Gemeindeschwester, die
berät und sich um alles Formale kümmert
Neue
Pflegeformen für Demenzkranke
Tagespflege
- flexible Angebote
Ambulante
Pflege und Betreuung
Wohngruppen
Welche
Rechte hat man hat man bei Pflege?
Neue
Aus- und Weiterbildung
Barbara
Steffens, Mitglied der Enquete-Kommission Zukunft der Pflege:
Menschen
sollen solange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Die Schaffung
von alternativen Wohnformen auch für ärmere alte Menschen muss angestrebt
werden, denn die Durchschnittsrente für Frauen liegt bei 700 Euro.
Wichtig
ist das Schaffen von neuen Wohnformen für alte Menschen wie z. B.:
Wohnen
in der “Normalen Wohnung“ / Mehrgenerationenwohnen / Gruppenwohnformen /
Integrative Haus- und Wohngemeinschaften / Dezentrale Wohngruppen
(Hausgemeinschaften) / Hausgemeinschaften in der Stationären Pflege /
Wohnsiedlung Altenwohndorf
Thomas
Rommelspacher, MdL, ergänzte aus seiner Sicht:
Im
Ruhrgebiet haben wir einen Vorlauf im Altern von 15 Jahren gegenüber dem Rest
der BRD. Er erwartet eine gewaltige Expansion der Jobs.
Er
sagte, dass wir einen enormen Bedarf an Modernisierung von Altenheimen haben,
aber er räumte auch ein, dass manche Modernisierung nicht zu bezahlen sei.
Es
gibt ein Modellprogramm des Landes, das Neubauten staatlich fördert, wenn sie
barrierefrei gebaut werden. Für Wohnquartiere, z.B. WG’s gibt es staatliche
Kredite, mit 1 % Verzinsung, sowohl im Sozialen Wohnungsbau wie auch in der
freien Förderung.
Auch
werden Nachbarschaften (Umwelt) so umgebaut (Absenken der Bordsteine etc.),
dass Alte in ihrer Umgebung bleiben können so und mit Jungen in der
Nachbarschaft gut zusammenleben können. Das ist ein einmaliges Modell.
Auch
Minister Dr. Michael Vesper erläuterte sein Konzept, ohne Erhöhung der Finanzierung Altenwohnungen in Wohnhäusern des
Sozialenwohnungsbaus zu bauen, da die alten Menschen solange wie möglich in
ihrer gewohnten Umgebung verbleiben sollen. Hier sind einige Kriterien:
- Erdgeschosswohnungen
mit stufenlosem Zugang
- Keine Schwellen in der Wohnung
(Duschen)
- Breite Türen für Rollstühle
- Auch der Standort ist wichtig: gute
Verkehrsanbindung
Dazu gibt es eine Musterbauordnung, die
auch frei finanziert werden kann. Ebenso
baut man heute z. B. zwei Wohnungen nebeneinander
(flexible Wohnungen), die nach Bedarf verkleinert oder vergrößert werden
können.
Dieses Konzept dient auch der besseren Vermarktung
der Wohnungen auf dem freien Markt.
Die neuen Wohnmodelle für
die alternde Gesellschaft sind:
- WG’s
bis zu 8 Personen, ebenfalls mit Appartements, auch für Haushalte mit niedrigem
Einkommen
- Pflegeinseln in normalen Wohnhäusern
- Pflegeangebote im Quartier
- Förderung der Modernisierung
bestehender Altenheime in Richtung Wohngemeinschaften – weg von langen Fluren
mit Krankenhauscharakter und Einbau von sanitären Anlagen im Zimmerbereich
Wenn
die CDU gewinnt, will sie den Sozialen Wohnungsbau abschaffen und damit den Bau
preiswerter schwellenloser Wohnungen.
Am
Rand gab es Tipps zur Verbesserung der Situation alter Menschen:
-
Wichtig: Jede Stadt muss einen
Altenplan für die Zukunft entwickeln. Was ist an Ressourcen in der
Zukunft vorhanden? Sind wir gewappnet, wenn sich die Alten in ein paar Jahren
verdreifacht haben?
- Anregung einer Partnerbörse
mit ehrenamtlichen Älteren gegen die Vereinsamung im Alter
- Partnervermittlung für
Menschen ab 55 Jahren, gegen Einsamkeit
- Wohnungstauschbörsen (große
Wohnung gegen kleine Wohnung im Quartier)
-
Kultur und Sport für
Senioren fördern. Wilhelm Knabes Ausspruch: Wer sich bewegt, hat einen
beweglichen Kopf!
-
Was passiert mit all dem in
Mülheim?
Ute
Schmitz