An die Mitglieder des
Bundesvorstandes
und die Mitglieder der
Bundestagsfraktion
Landesvorstand/-fraktion zur
Kenntnis
Mülheim, den 30. Mai 2005
Liebe Freundinnen und
Freunde,
wir
hier in NRW haben gerade mit vielen von Euch gemeinsam einen Wahlkampf hinter
uns gebracht, der trotz aller Anstrengungen nicht so ausgegangen ist, wie wir
uns das erhofft haben.
Bevor
wir uns nun kampfeslustig in die Vorbereitungen zur nächsten Wahl stürzen,
wünschen wir uns einen Moment des Innehaltens, des Meinungsaustausches und der
Orientierung!
In
diesem Brief möchten wir Euch unsere Erfahrungen mitteilen, Notwendigkeiten aus
unserer Sicht beschreiben und Euch unsere Erwartungen für die anstehenden
Beratungen mit auf den Weg geben.
Wichtige
Faktoren in diesem Wahlkampf waren zweifellos bundespolitische Themen und die
verkorkste Berichterstattung der Medien mit Themen wie „Grüne Jobkiller“ und
„Hamster zählen“. In Bezug auf die Bundespolitik war das Bild an den
Infoständen differenzierter, die Kritik richtete sich besonders auch an das
grüne Mittragen von Politik, die nur den Unternehmen dient und nicht den
Menschen:
„Nur
die Steuern senken und auf den Aufschwung warten reicht als Wirtschaftspolitik
nicht. Besonders, wenn durch eine verfehlte Steuergesetzgebung die Haushalte
der Kommunen und der Länder gegen die Wand gefahren werden!“; Oft herrschte der
Eindruck, „Schröder entscheidet und wir dürfen nur noch ja sagen.“
Wir
brauchen eine deutliche Positionierung, auch in Abgrenzung zur SPD, die weit
mehr sein muss als eine kleine Korrektur und Weiterentwicklung des Bisherigen.
Ein “Weiter so“ wird es uns in NRW sehr erschweren, einen überzeugten und
offensiven Wahlkampf zu führen.
Wir brauchen Grüne
Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit:
Alle drei Themenkomplexe
sind miteinander verknüpft, sie „schreien“ geradezu nach einer Antwort aus
einem Guss, einer nachhaltigen Antwort.
Zu 1: Wir brauchen eine
Grüne Antwort auf die ständig wiederkehrende, platte Aussage, die
Lohnnebenkosten und Löhne in Deutschland seien zu hoch und müssten wegen der
EU-Erweiterung und Globalisierung gesenkt werden. Ein ständiges Fordern nach
Kaufkraftverlust ist keine vernünftige Politik. Dies führt nur zu einem
weiteren Verlust an Vertrauen bei den Bürgerinnen und Bürgern und damit
letztendlich zu einer Schwächung der Binnennachfrage. Ökologische und
nachhaltige Politik muss auch auf die Binnennachfrage setzen.
Zu 2: Die Hartz Reformen müssen jetzt
ohne Voreingenommenheit einer Zwischenbilanz unterworfen werden. Deutliche
Missstände und Widersprüche müssen beseitigt werden: Wer 30 Jahre lang
gearbeitet und eingezahlt hat, kann nicht nach einem Jahr vor dem Nichts
stehen. Wer fürs Alter vorsorgt, darf nicht „bestraft“ werden. Die Auswirkungen
der Pauschalierung müssen überprüft werden.
Mindestens ebenso wichtig sind dauerhafte Reformen
bei Gesundheit und Rente. Das ewige herumdoktern an diesen Säulen der sozialen
Sicherheit beschädigt das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger auf das
Massivste. Tragisch dabei ist, dass die Bürgerinnen und Bürger zu Einschnitten
bereit sind, wenn danach Sicherheit und Klarheit herrscht, die Perspektive
wieder stimmt.
Zu 3: Eröffnet der demografische Wandel nicht auch
Grüne, nachhaltige Chancen? Kann z.B. die Arbeitslosigkeit bei schrumpfender
Bevölkerung nicht auch mit / bei weniger Wachstum bekämpft werden?
Die Globalisierung lässt die
Rohstoffpreise steigen, liegen hier Grüne, nachhaltige Strategien nicht auf der
Hand. Wurden durch die Förderung regenerativer Energiequellen, etwa keine
Arbeitsplätze geschaffen?
Viel Gutes habt Ihr, haben
wir in den letzten sieben Jahren zusammen erreicht! Es gab aber auch Dinge, die
weniger gut liefen. Wir erwarten von Euch, dass wir gemeinsam aus den vergangen
sieben Jahren Schlüsse ziehen und daraus für die Zukunft lernen. Neben der
großen Herausforderung der Neupositionierung, gehört für uns auch dazu, dass
die Dinge des „täglichen Lebens“ überprüft und verbessert werden: Die Fraktion
soll nicht probieren, eigene Kompromisse als Parteibeschlüsse durchzusetzen.
Einen Wahlkampf nach dem Motto „weiter so“ wird es mit uns nicht geben.
Die parteiinterne
Öffentlichkeitsarbeit muss verbessert werden. Oft erfahren wir auf kommunaler
Ebene erst aus der überregionalen Presse von der Existenz wichtiger
Positionspapiere. Bei Nachfragen der regionalen Presse oder von Bürgerinnen und
Bürgern stehen wir dumm da. Eine entsprechend verbesserte Organisation und ein
elektronisches Kommunikationssystem könnten leicht Abhilfe schaffen. Wir bitten
Euch deshalb, entsprechende Papiere vor der Veröffentlichung in der Presse erst
per e-Mail den Kreisverbänden zukommen zu lassen.
Wandel bedeutet immer, dass
es die Möglichkeit zum Besseren gibt. Lasst uns gemeinsam über die vergangen
sieben Jahre Rot-Grün nachdenken und die Chance der vorgezogenen Bundestagswahl
nutzen!
gez. Ingrid Tews Axel Hercher
Kreisvorstandssprecherin Kreisschatzmeister