„Greening the streets“

3. Treffen von europäischen LokalpolitikerInnen der Grünen

9. bis 11. November 2006 in Barcelona

 

http://www.europeangreens.org/cms/default/rubrik/9/9452.greening_the_streets@en.htm

 

Einleitung

 

Die westliche Welt darf nicht weiter ausschließlich in Konsum und Wachstum investieren und dabei soziale Werte aus dem Auge zu verlieren. Mangelnder Solidarität und Ungerechtigkeit stehen Gleichheit, Ethik und Ökologie entgegen. Dabei müssen alle Maßnahmen zum Schutze der Umwelt durch Verankerung in der Bevölkerung von unten nach oben erfolgen - also bottom-up und nicht umgekehrt! Nur so können sie langfristig erfolgreich sein.

 

Europäische Grüne müssen ein starkes Netzwerk bilden, um den Forderungen und Visionen von Aalborg von Juni 2004 gerecht zu werden. Ziel dieses 3. Kongresses in Barcelona (der 1. und 2. waren in Wien) ist vorrangig der bessere grüne Austausch, um so gemeinsam die politische Arbeit vor Ort effektiver gestalten zu können.

 

Lokale Initiativen sollen besonders gestärkt werden

Beispiele aus Vorträgen und Arbeitsgruppen

 

Carl Schlyter, MdEP berichtet aus Stockholm, dass die Stadt 2015 emissionsfreie Stadt sein wollte; dazu gibt es eine ausführliche Broschüre mit zahlreichen nachahmenswerten Zielen und Maßnahmen. Nach der letzten Wahl wurde diese Ziele von der neuen Mehrheit jedoch nicht mehr konkretisiert, bleiben aber eine CO2-arme Handlungsanleitung.

 

Joe Corr, Bürgermeister von Fingal, Irland, fordert, dass die Grünen den Zusammenhang zwischen Umweltpolitik und sozialer Gerechtigkeit stärker herausarbeiten müssen. Fingal (County westlich von Dublin) hat in den letzten Jahren seine Energiebilanz um 60% verbessert. Das geschah z.B. durch die Installation von Solaranlagen für die  Warmwasserbereitung - vor allem in den Vierteln des sozialen  Wohnungsbaus. Warmes Wasser wird dadurch nicht nur erschwinglich, sondern wird auch umweltfreundlich produziert. Die Reduzierung des Individualverkehrs erweist sich als mühsam.

 

In Lyon wurde ein Leihfahrradsystem eingeführt, das große Resonanz findet, berichtet Anne de Beaumont. Innerhalb eines Jahres stieg im Vergleich zum Vorjahr die Fahrradnutzung um 40%. An ca. 350 Stationen, besonders an U-Bahnstationen, stehen ca. 4000 Fahrräder zur Verfügung; bezahlt wird im Abo oder durch Kreditkarte. Täglich werden bis zu 30.000 Fahrräder geliehen bei einer mittleren Fahrleistung von 25 km pro Tag. Ein Transport- und Reparaturdienst vermeidet Engpässe. 70.000 Personen haben sich für das System angemeldet. Finanziert wird das Ganze über eine europaweit agierende Werbeagentur, die Stadt Lyon bekommt 1 Mio.EUR plus einer Einsparung von 2000 Tonnen CO2 pro Jahr.

Ein ähnliches System (meist vom gleichen Betreiber) wird in Paris, Marseille, Hamburg und Stockholm geplant.

 

Deutschlands Grüne beklagen, dass der demografische Faktor beim öffentlichen Verkehr zu wenig berücksichtigt wird. Zwar sind statistisch mittlerweile 20% aller deutschen Haushalte ohne Auto sind, aber 60% davon sind „Pensionistenhaushalte“ sind. Daraus resultiert die Forderung, mehr für die sozial Schwachen und gesundheitlich Beeinträchtigten beim Verkehr zu tun (siehe auch Green Paper on Urban Transport)

 

Luis Tejedor, Bürgermeister von El Prat, beschreibt die vielfältigen Anforderungen, die Lokalpolitiker zu erfüllen haben: In erster Linie müssen sie selbst begeistert sein von ihren Ideen und diese Begeisterung auch weiter vermitteln können. Die Grüne Politik hat sich für den Weg der Evolution entschieden, nicht für den der Revolution (!). Das bedeutet, dass Grüne täglich neue Wege suchen und um neuen Vertrauensvorschuss aus der Bevölkerung werben müssen. Dieses Problems ist mittlerweile auch traditionellen Politikern andere Couleur bekannt: Es mangelt an der Umsetzung der Lösungen, weil die persönliche Betroffenheit der Menschen zu wenig angesprochen wird und die Motivation für eine geforderte Verhaltensänderung häufig nicht einleuchtet

 

Jenny Jones, Mitglied des Greater London Assembly, stellt fest, dass Grüne Volksvertreter sich aufgrund des Britischen Wahlrecht viel schwerer durchsetzen können, und dass sie daher viel eher bereit sein müssen, Kompromisse mit den Großparteien einzugehen.

In London gibt es 33 Gemeinderätinnen für 14 Millionen Einwohner. Im Verkehrsbereich ist die Einführung einer Innenstadtmaut (Congestion Charge) das Vorzeigeprojekt der Verkehrsvermeidung; ein Großteil der Einnahmen fließt in den ÖPNV. Die Benutzung des ÖPNV hat im Gegensatz zu anderen Zentren im UK stark zugenommen, so bei Bussen um 40% in 5 Jahren, der Radverkehr um 50%! Schülerfahrten sind innerhalb Londons auf allen Verkehrsmitteln gratis. In London ballen sich auch die sozialen Probleme: Hier leben laut neuesten Statistiken 39% der Kinder in Armut, während es im übrigen GB nur 28% sind.

Umwelt und Soziales werden häufig gegeneinander ausgespielt. Deshalb dürfen sich Grüne nicht nur um die „Umwelt“ kümmern. Grüne müssen sich mit den verdeckten sozialen Problemen der Bevölkerung befassen, sie aufzeigen und Lösungsvorschläge bringen.

Londons Bürgermeister spricht wie ein Grüner, aber seine Entscheidungen trifft er oft als Populärpolitiker.

 

Francois Bausch, die Luxemburgische Vizebürgermeisterin, berichtet, dass die Grünen von Wahl zu Wahl gewinnen. In 4 von 6 Großstädten gibt es in Luxemburg eine Grüne Mehrheit.

Top-Themen sind BürgerInnenbeteiligung und Basisdemokratie. Veranstaltungen der Grünen werden regelmäßig, nicht nur vor Wahlen, in allen Teilen des Landes abgehalten und sind gut besucht, es geht dabei um die Zukunftspläne des Landes. Dienstag ist in Luxemburg Tag der offenen Tür für alle BürgerInnen. Der gesamte Gemeinderat ist anwesend und für alle ansprechbar. Am Anfang war das sehr schwer, aber die Leute beteiligen sich und sprechen mit, sobald sie nur aufgefordert werden und dazu die Gelegenheit haben. BürgerInnen interessieren sich mehr für Politik als häufig von den Medien dargestellt. In Luxemburg kommen auf 90.000 Einwohner traumhafte 150.000 Arbeitsplätze; 60% der Menschen in sind AusländerInnen!

Conclusio: Nur eine solidarische Grüne Politik kann erfolgreich sein - kleine Gemeinden und reiche Großstädte, Männer und Frauen, Inländer und Ausländer müssen eingebunden sein.

 

Elisabeth Schroedter, Abgeordnete des Eu-Parlaments, bewirbt besonders das Forum Eurocities, zur europäischen Zusammenarbeit der Großstädte. Integrativer Ansatz der Grünen kann nur vor Ort in den Gemeinden entstehen. Ohne Volksnähe keine Grüne Politik!

Sie setzt sich besonders für die Durchschaubarkeit der EU-Finanzierungen ein. Befragt zum österreichischen Rahmenplan, den Bartenstein noch nicht fertig hat, erklärt sie eindringlich, dass die Länder darum kämpfen müssen, sich gegen die schwerfällige EU-Verwaltung durchzusetzen, dass aber mittlerweile viele Kompetenzen an die Mitgliedsstaaten abgegeben wurden.

 

Monika Vana formuliert ihre Ansprüche und Erfahrungen für Wien und bezieht sich ein bisschen auch auf Graz, indem sie die guten Wahlergebnisse nennt. Die ersten beiden Kongresse für grüne Kommunalpolitiker wurden von den Wiener Grünen initiiert und könnten in Zukunft auch wieder in Wien stattfinden.

An der Tagung in Barcelona nahmen ca. 250 Personen aus 28 europäischen Ländern teil – darunter auch aus Slowenien, Kroatien, Rumänien und der Türkei.

 

Parallel fand die erste Gender-Tagung der Europäischen Grünen mit 70 Teilnehmern aus 22 Ländern in Barcelona statt (European Greens Gender Observatory):

Seltsam mutete daher das Ende an. Alle waren sich einig über die Problemstellungen, unterschiedlichste Lösungsansätze werden weiterhin formuliert und ausgetauscht.

Am Abschlusspodium allerdings saßen dann 7 Männer über 50 - und eine Frau Anfang 30.

 

Bericht von Eva Surma, Grüne Steiermark und Wolf Jürgen Richter, KV Mülheim

 

Zum Abschluss gab es eine Erklärung von Barcelona:

http://www.iniciativa.cat/nacional/continguts/noticies/nac_noticies_sol_eng.php?idnoticie=6470

 

Literaturtip: „Faktor Vier“, Kapitel 5, E.U. Weizäcker, A.M. Lovins, L.H. Lovins, Droemer Knauer, 1995