In
der Eingangsstufe der gymnasialen Oberstufe im traditionsreichen Lyzeum von
Jyväskylä, das seit dem Jahre 1858 das erste finnischsprachige Gymnasium ist,
hat der Deutschlehrer das Unterrichtsthema „Medien“ kurzfristig abgesetzt.
Stattdessen bearbeiten die SchülerInnen in Partnerarbeit heute die Fragen ihrer
deutschen Besucherinnen. Wir wollen wissen, was den SchülerInnen an ihren
Schulen gefällt und welche Veränderungen sie sich wünschen.
Etliche
Schüler und Schülerinnen loben die gemeinsame Schulmahlzeit, die für alle kostenfrei
ist. Auch die Wahlmöglichkeiten, die schon bei der Wahl der Fremdsprachen in
Klasse 3 der neunjährigen finnischen Gesamtschule beginnen und in der Oberstufe
zum Kurssystem gehören, werden mehrfach positiv erwähnt. Hinweise auf
grundsätzliche Probleme mit dem Schulsystem gibt es nicht. Denkwürdig finden
wir das Ergebnis von zwei Schülern. Auf Deutsch haben sie notiert: „Am meisten
gefällt uns, dass die Gesamtschule für die Schüler gut sorgt und ihre
Interessen beachtet. Denn in den höheren Klassen kann man selbst mehr
Verantwortung übernehmen.“ Auf die Frage nach den Veränderungen heißt es bei
ihnen schlicht und ergreifend: “Es fallen uns keine großen Veränderungen ein.“
Ortswechsel.
Gespräch mit den Mitgliedern der Schülervertretung der gymnasialen Oberstufe in
Laukaa, Teil eines Schulzentrums auf dem Land in Mittelfinnland. Ohne Anwesenheit
eines Lehrers sprechen wir mit ihnen über ihre Schule und ihre Aufgaben als
Schülervertreter. Und wieder zeigt sich eine hohe Zufriedenheit bei den
Schülerinnen und Schülern mit ihrer Schule und ihren Lehrern. Sie können nicht
glauben, dass man in Deutschland im Falle von Leistungsdefiziten ein ganzes
Jahr wiederholen muss. Sie verstehen nicht, warum in Deutschland
Schülerleistungen so viel früher als in Finnland benotet werden. Derlei Konkurrenzdruck halten sie für unproduktiv.
In
der Kuokkalan yläaste (Klasse 7 - 9 der Gesamtschule), eine Schule in einem
wunderschönen neuen Schulgebäude in Jyväskylä, sprechen wir mit Fabian, einem
deutsch - finnischen Schüler. Er hat durch Besuche in Deutschland die deutsche
Schule selbst kennen gelernt und kann sie mit der finnischen vergleichen. Für
ihn drückt sich das gute Schüler-Lehrer-Verhältnis in Finnland darin aus, dass
die Schüler ihre Lehrer duzen und auch die sonst übliche finnische Art, sich
beim Vornamen zu nennen, zwischen ihnen gilt. Dass in Deutschland das Du verpönt
ist aus Angst vor möglichem Autoritätsverlust, leuchtet Fabian nicht ein.
Lehrer sind für ihn nicht nur als Unterrichtende wichtig, sie sind auch Ratgeber
der Schülerinnen und Schüler. Er spricht mit Anerkennung von seinen LehrerInnen.
Und wenn man sich ihnen in schwierigen Situationen nicht anvertrauen will, dann
gibt es immer noch den opo, einen Beratungslehrer, und eine
Schulkrankenschwester (an fast jeder Schule). Sie lindert nicht nur
körperliche, sondern auch seelische Nöte. Sie kennt in der Kuokkalan yläaste
nach eigener Auskunft jeden Schüler und jede Schülerin und fühlt sich für alle
zuständig.
An
allen Schulen, die wir besucht haben, ist die Atmosphäre im Unterricht und in
den Pausen eine Bestätigung für das gute Schulklima. Das Mittagessen für alle
zwischen 11 und 12 Uhr stiftet Gemeinsamkeit und Gemeinschaft. Das Ende des
Schultags, der in der Regel je nach Schulstufe zwischen 14 und 16 Uhr beendet
ist, hebt sich wohltuend ab von den Szenen an deutschen Schulen, wo die
SchülerInnen, zuweilen auch die LehrerInnen, die Schulen verlassen, als wären
sie auf der Flucht.
Das Bildungskonzept beginnt mit neuvola
Es
beginnt mit neuvola, was nichts anderes heißt als: Beratungsstelle. In
freundlich gestalteten Räumen werden schwangere Frauen beraten und auf die
Geburt vorbereitet, auch ärztlich betreut. Väter sind meistens dabei. Nach der
Geburt gibt es weitere 7 bis 9 Treffen in Gruppen, wo gesundheitliche und
erzieherische Fragen behandelt werden. Bis zum Schuleintritt stellen die Eltern
ihre Kinder regelmäßig bei neuvola vor. Entwicklungsstörungen oder
Behinderungen werden auf diese Weise frühzeitig erkannt und die Kinder können
bei Bedarf gleich an Ärzte oder Therapeuten weitergeleitet werden. Neuvola ist
flächendeckend, die Teilnahme ist freiwillig und kostenlos. Die Teilnehmerquote
ist 100%.
Neuvola
arbeitet mit dem Kindergarten und den Gesamtschulen zusammen. Die Krankenschwestern
und TherapeutInnen der Beratungsstellen treffen sich auch mit den LehrerInnen
der Gesamtschulen. Sie kennen alle Kinder von Geburt an und können KindergärtnerInnen
und LehrerInnen Hilfen geben.
Die
Kinderbetreuung beginnt je nach Wunsch der Eltern ab dem ersten Lebensjahr. Die
KindergärtnerInnen werden zusammen mit den LehrerInnen der ala-aste (Klasse 1 -
6 der Gesamtschule) an der Universität ausgebildet. Die Gruppengröße ist
gering: bei Kindern unter drei Jahren kommen 4 Kinder auf einen Erwachsenen, im
Alter von 3 bis 6 Jahren 7 Kinder auf einen Erwachsenen. In diesen kleinen
Gruppen wird schon recht anspruchsvoll gearbeitet. So sehen wir schön gebundene
kleine Bücher, in denen Kinder sich Geschichten ausgedacht und ein Bild dazu
gemalt haben. Die LehrerInnen haben die Geschichten aufgeschrieben und mit Bild
und Schrift ein Buch hergestellt.
Auf
den Kindergarten folgt die gebührenfreie Vorschule, die Kinder mit 6 Jahren aufnimmt
und von fast allen Kindern besucht wird. Die Schulpflicht beginnt mit 7 Jahren.
Auch in Finnland gab es Diskussionen um einen früheren Beginn der Schulpflicht,
die aber schon vor den guten PISA-Ergebnissen verstummt waren.
Der Unterricht ist Werteerziehung pur
Der
freundliche und respektvolle Umgang miteinander sowie die Anerkennung der Differenz, Grundwerte menschlichen Zusammenlebens,
werden in der Unterrichtspraxis an finnischen Schulen konkret erfahrbar. Sie
müssen nicht abstrakt gelehrt werden als Pädagogik des erhobenen Zeigefingers,
wie sich deutsche Politiker das all zu oft vorstellen.
Eine
Aufteilung der Gruppen nach Leistung gibt es nicht während der neunjährigen Gesamtschulzeit.
Die volle Zuwendung des Lehrers zu jedem einzelnen Schüler wird durch die
Bildung kleiner Lerngruppen in pädagogisch entscheidenden Phasen unterstützt.
Dies gilt speziell in den ersten beiden Klassen der ala-aste, die im
Durchschnitt 20 Kinder haben und damit kleiner sind als die Klassen 3 - 6 mit
durchschnittlich 28 SchülerInnen. In den Klassen 7 - 9 der yläaste - während
der schwierigen Zeit der Pubertät - sind die Klassen wieder kleiner und liegen
im Durchschnitt bei 20 SchülerInnen. In den Oberstufenkursen sind dagegen
Kursgrößen von 30 - 40 SchülerInnen in den gängigen Kursen normal. Die Klassen-
und Kursgrößen sind nicht gesetzlich festgelegt, es gibt lediglich Empfehlungen.
Die Umsetzung hängt von den finanziellen Entscheidungen der Kommunen ab.
Konkurrenzverhalten
und Wettbewerb gegeneinander sind unerwünscht als Leistungsanreiz. Es gibt
Noten in allen Fächern erst am Ende von Klasse 6. Es gibt praktisch kein Sitzen
bleiben, sondern individuelle Förderung. Kinder können nur zurückgestellt
werden mit Zustimmung der Eltern. Bis Klasse 6 unterrichtet der Klassenlehrer
in fast allen Fächern seine Schülerinnen und Schüler. Danach erst setzt das
Fachlehrerprinzip ein. Die Leistungsüberprüfung orientiert sich an den
Curricula und erfolgt auf der Basis des jeweiligen Unterrichts in der
Verantwortung der einzelnen LehrerInnen. Die finnischen Schulen erzielen und
sichern ihre Qualität ohne staatlich verordnete zentrale Tests. Lediglich das
Abitur ist als eine zentrale Prüfung gestaltet.
Fördern
statt aussortieren
Um jedem einzelnen Schüler besser gerecht zu werden,
verfügen die Gesamtschulen über zusätzliche Lehrerstunden für Klassenteilung.
Sie werden in der Regel in Finnisch, Mathematik und Englisch im Stundenplan
eingesetzt und ermöglichen phasenweise Unterricht in Lerngruppen von 10 - 15
SchülerInnen.
Zum Ausgleich von Defiziten in einzelnen Fächern
wird die Teilnahme an Fördergruppen mit Schülern und Eltern vereinbart.
Sonderpädagogen unterstützen SchülerInnen mit Problemen des Lernens und des
Verhaltens, die in Deutschland in der Regel die Verpflichtung zum Besuch der
Sonderschule nach sich ziehen. Der Grad an Inklusion ist in Finnland regional
unterschiedlich ausgeprägt. Es gibt neben der vollen Inklusion von SchülerInnen
mit besonderen Bedürfnissen in den Regelklassen auch Sonderklassen mit sehr
reduzierten Kontakten zu Regelklassen (z. B. für SchülerInnen mit geistiger
Behinderung) sowie flexible Fördergruppen, die die SchülerInnen nur phasenweise
vom Regelunterricht separieren. Finnland ist aber dabei, seinen Weg der
Inklusion konsequent weiterzuentwickeln.
In sog. Netzwerktreffen kommen heute schon an den meisten
Schulen Schulleiter, Lehrer und Sonderschullehrer einer Schule mit
Sozialarbeitern, Schulpsychologen und dem Schularzt regelmäßig zusammen, um über
einzelne Fälle oder allgemeine pädagogische Probleme zu sprechen und nach
Lösungen zu suchen. Diese Treffen sollen ab 2004 verpflichtend für alle Schulen
gemacht werden.
Finnland beginnt, sich über die Förderung seiner
Migranten Gedanken zu machen. Kari Asikainen, Direktor der Cygnaeuksen koulu,
weiss, dass die Integration von Migrantenkindern, die seine Schule als eine
Schwerpunktschule für Migranten in Jyväskylä jetzt schon vorbildlich leistet,
in Zukunft eine Aufgabe aller finnischen Schulen werden wird. Nicht nur aus
humanitären Gründen, sondern auch aus volkswirtschaftlichen Überlegungen wird
die Einwanderung in dem Land mit 5 Millionen Einwohnern einen größeren
Stellenwert bekommen.
Übergänge
und Abschlüsse
Die neunjährige finnische Gesamtschule verteilt sich
in der Regel auf die Klassen 1 - 6 der ala-aste und die Klassen 7 - 9 der
yläaste. Daran schließt sich eine Oberstufe an, die auf drei Jahre angelegt
ist. Sie teilt sich auf in einen getrennten gymnasialen und beruflichen Zweig.
Durch die Zusammenarbeit zwischen gymnasialer und beruflicher Oberstufe ist es
möglich, dass SchülerInnen auch Kurse an dem jeweils anderen System belegen
können. Ein Oberstufenschüler hat das Recht, das Abitur schon nach zwei oder
aber auch nach vier Jahren zu machen.
Während in Deutschland an den Übergängen der
Bildungslaufbahnen sich die sozialen Ungleichheiten addieren, wie PISA gezeigt
hat, markieren die Übergänge im finnischen System den Abschluss einer Lernphase
und eröffnen für alle Schüler und Schülerinnen, unabhängig von ihrer sozialen
Herkunft oder bisherigen Laufbahn, neue Lernchancen mit entsprechender
Förderung. Niemand fällt durch den Rost.
Der Übergang von der ala-aste in die yläaste wird
durch Informationsaustausch der Sonderpädagogen an den abgebenden und
aufnehmenden Schulen für die Kinder mit Problemen besonders „abgefedert“. Die
älteren SchülerInnen übernehmen die Rolle von Mentoren für die „Neuen“ und
werden so Teil des finnischen Unterstützungssystems.
Der Übergang in die gymnasiale bzw. die berufliche
Oberstufe nach Klasse 9 steht allen Schülerinnen und Schülern offen. Allerdings
hängt die Aufnahme an den begehrten Schulen des Landes von den Zeugnisnoten ab.
Die weniger begehrten Plätze auf dem Lande stehen allen offen. Ca. 55% der
SchülerInnen aus Klasse 9 wählen derzeit den Weg in die gymnasiale Oberstufe
und schließen sie auch mit dem Abitur ab. Wenn jemand die Abiturprüfung nicht
besteht, was sehr selten ist, dann gibt es die Chance der Wiederholungen. In
jedem Fall aber bekommt jeder Schüler auch ohne Abitur einen Schulabschluss,
mit dem er z. B. zur beruflichen Oberstufe wechseln kann. Die berufliche
Oberstufe wird immer attraktiver, weil sie unter bestimmten
Leistungsvoraussetzungen nicht nur den Berufsabschluss sichert, sondern auch
die Möglichkeit des Eintritts in die Universität bereithält.
Die
Lehrerausbildung
Jorma Ojala, Didaktiker für die Lehrerausbildung an der
Universität Jyväskylä, gibt uns zuallererst einen Einblick in die
bildungstheoretischen Grundlagen der Lehrerausbildung, bevor er die
Ausbildungsstrukturen erläutert. Aus dem Lehrerleitbild leiten sich in Finnland
die Strukturen ab. Eindringlich bringt er die Aufgabe des Lehrers auf die
Formel: Der Lehrer muss die Kinder verstehen, nicht umgekehrt die Kinder den
Lehrer. Dabei helfen die Erkenntnisse, dass Lernen ein eigenaktiver Prozess ist
und dass Kinder sich sicher und akzeptiert fühlen müssen, damit sie lernen können.
Und mit einem Seitenhieb auf unser System stellt er fest, dass es dumm ist, die
Kinder nach Leistungen zu trennen. Die Hauptschule habe für ihn keine Zukunft.
Für diese anspruchsvolle Aufgabe des Lehrers kann Finnland
seine besten Studenten gewinnen. Der gesellschaftliche Status der Lehrer ist
hoch, so dass die Nachfrage für die Aufnahme eines Lehramtsstudiums größer ist
als die bereitstehenden Studienplätze. Von 6000 Anmeldungen pro Jahr können nur
10 % angenommen werden. Die Besten werden ermittelt durch persönliche
Interviews, dazu kommt ein Test, der die Kooperationsfähigkeit überprüft.
Extra-Punkte gibt es für Bewerber, die schon mit Kindern gearbeitet haben und
ihr Interesse für kulturelle Bildung praktisch unter Beweis stellen können.
Wichtig ist, dass sie glaubhaft vermitteln können, dass sie Lehrer werden
wollen. Dies steht in einem denkwürdigen Gegensatz zu der aktuellen Einführung
einer konsekutiv gestuften Lehrerausbildung in Deutschland. Mit dem Argument
der Polyvalenz will man die erste Stufe bis zum Bachelor relativ berufsunspezifisch
gestalten und damit den Zugang der Studierenden auch zu anderen Berufsfeldern
außerhalb der Schule offen halten.
Als
besonderen Fortschritt in der finnischen Lehrerausbildung bezeichnet er die
Annäherung der Fachlehrerausbildung für die LehrerInnen, die nach Klasse 6
unterrichten, an die Ausbildung der KlassenlehrerInnen, die für die Klassen 1-6
zuständig sind. Im Gegensatz zu früher muss nun auch der zukünftige Fachlehrer
ein erziehungswissenschaftliches Studium absolvieren, und das von Anfang an.
Dazu gehören auch Praktika. Vier Wochen in jedem Ausbildungsjahr, intensiv vor-
und nachbereitet durch die Begleitung von HochschullehrerInnen. Auf sechs
Studenten kommt ein Hochschullehrer. Die Gleichwertigkeit der beiden
Studiengänge, die mit dem Masters Degree abschließen, sieht er durch die Bologna-Beschlüsse
und die Einigung auf B.A- und M.A-Studiengänge in Gefahr. Konkrete
hochschulpolitische Entscheidungen liegen dazu nicht vor, eher mögen die
Entwicklungen in Deutschland ihm als Warnung dienen.
Unterrichtsverpflichtung und Besoldung der
angestellten LehrerInnen
Die Unterrichtsverpflichtung ist durchweg niedriger als die
der deutschen LehrerInnen. Sie orientiert sich an den Schulstufen und den
Fächern: Ein Klassenlehrer in den Klassen 1 - 6 der ala-aste hat 23
Unterrichtsstunden zu erteilen, ein Fachlehrer in der yläaste je nach Fach
zwischen 17 - 23 Stunden und ein Oberstufenlehrer zwischen 15 und 22 Stunden.
Es gibt eine nach Schulstufen differenzierte Besoldung. In
der ala-aste verdient der Klassenlehrer nach Dienstalter zwischen 1.714 und
2.369 Euro (Brutto), in der yläaste zwischen 1.875 und 2.718 Euro und in der
Oberstufe zwischen 1.939 und 2.789 Euro. In der Regel machen alle LehrerInnen
Überstunden, weil es lohnend ist und einen
gewissen Ausgleich darstellt für die relativ hohen Abzüge durch Steuern
(ca. 30 %)und Beiträge für die Arbeitslosen- und Rentenversicherung.
Die Fünfzehnjährigen, die die Grundchule von 1 bis 9
durchlaufen haben, haben sich im internationalen Leistungsvergleich PISA als
besonders gute SchülerInnen in allen untersuchten Domänen erwiesen. Im
Leseverständnis haben sie sogar den Spitzenplatz erreicht. Eindimensionale
deutsche Erklärungsversuche, wie sie vielfach kursieren, sind wahrhaft eine
Trivialisierung des finnischen Erfolgs. Besonders dann, wenn sie ausschließlich
auf Faktoren zurückgreifen, die außerhalb der Schule liegen: Da wird die einfache
finnische Sprache mit der Übereinstimmung von Schriftbild und Lautbild
erklärend herangezogen. Ausländische Filme, die in Finnland nur im Original und
mit finnischen Untertiteln gezeigt werden, müssen als Erklärung herhalten. Dass
die guten Büchereien das traditionell hohe Leseinteresse der Finnen
unterstützen, ist ein Faktor, der aber das vergleichbar schlechte Abschneiden
deutscher SchülerInnen nicht erklärt.
Auch die Vorstellung, dass wir unsere Defizite an
sozialer Chancengleichheit und an Qualität
bei Einführung der Ganztagsschule komplett lösen können, steht in einem
Missverhältnis zur finnischen Realität. Finnland verfügt ebenso wenig wie
Norwegen über ein Ganztagsschulsystem. Es gibt eine Halbtagsschule mit einem
guten Mittagessen. Danach schließen sich lediglich Betreuungsangebote an, für
die die Eltern zahlen müssen und die deshalb nur von einem Teil der
SchülerInnen in Anspruch genommen werden.
Genauso wenig kann weder eine staatliche
Schulaufsicht in unserem Sinne noch ein ausgeklügeltes zentrales Testsystem zur
Qualitätssicherung den Erfolg begründen. Beides gibt es in Finnland nicht.
Orientierungspunkte sind die schmalen Rahmenvorgaben aus Helsinki und der
Dialog mit dem politisch kontrollierten Schulamt in den jeweiligen Kommunen
sowie ein auf der Schulebene konkretisiertes Schulcurriculum.
Revolutionäre Unterrichtsmethoden fallen als
Erklärung auch aus. Diese haben wir während unseres einwöchigen Schulbesuchs
nicht kennen gelernt. Wir haben sehr häufig Frontalunterricht im Wechsel mit
Partnerarbeit erlebt, wie wir ihn auch in deutschen Schulen kennen.
Wo liegt also das Geheimnis des Erfolgs? Für Pirjo
Linnakylä, die finnische PISA-Koodinatorin und Professorin im
Forschungsinstitut für Lehrerausbildung in Jyväskylä, gibt es kein Geheimnis.
Nach ihren Forschungsergebnissen ist
die Kombination bestimmter Faktoren für ein gutes Ergebnis maßgeblich. Dazu
gehören die Interessen der SchülerInnen, ihre Lernstragegien und
Freizeitinteressen ebenso wie die Lernumgebung der Schule und der Elternhäuser
und die Erwartungen der LehrerInnen, SchülerInnen und Eltern. Herausragende
Schlüsselfaktoren sind für sie das Gesamtschulsystem und die Lehrerausbildung.
Die Schule, die kein Kind abweisen kann, prägt die Einstellung der LehrerInnen,
sich am individuellen Kind zu orientieren. Sie fühlen sich für seinen Erfolg
bzw. Misserfolg verantwortlich. Die Lehrerausbildung unterstützt diese Haltung.
Auf der Rückfahrt geht mir ihre Bemerkung, die sie uns zum
Abschied mitgegeben hat, durch den Kopf: „I deeply believe in comprehensive
education, not as an ideal, but in practice. Teaching
in one school helps to look at each child as an individual.“ Mir fällt spontan die Aussage der
Schüler im Lyzeum wieder ein: „Am meisten gefällt uns, dass die Gesamtschule
für ihre Schüler gut sorgt.“
Brigitte
Schumann
Sprecherin
der LAG Bildung
von
Bündnis 90/Die Grünen in NRW