Grundschule belastet Kinder aus
armen Familien und verschärft soziale Chancenungleichheit
Dies ist die Kernbotschaft eines im Auftrag der AWO vom
Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt (ISS) erstellten
Studie über „Armut im Grundschulalter“, die Anfang des Jahres veröffentlicht
wurde.
Die Studie belegt
Erkenntnisse, die zwar engagierten Pädagogen vertraut sind, aber bis heute von
der Politik ausgeblendet werden.
Zur institutionellen Benachteiligung der armen Kinder
Die Studie verweist darauf, dass mit
Beginn der Schulpflicht die Grundschule eine dominante Rolle im Leben der
Grundschulkinder übernimmt. Im Gegensatz zu den nicht-armen Kindern erleben
arme, mehrfach belastete Kinder den Anspruch und Bildungsauftrag der Schule
eher negativ. Ihre Familien können sie nicht angemessen unterstützen, da die kulturellen
und sozialen Ressourcen fehlen. Das gilt in hohem Maße für arme Kinder mit
Migrationshintergrund.
Durch die Beschränkung auf ihr Wohnumfeld
sowie die elterliche Wohnung fehlen armen Kindern im Grundschulalter auch
Anregungen und Erfahrungen, die für nicht-arme Kinder selbstverständlich sind.
Sie besuchen deutlich seltener Vereine, feiern nur in Ausnahmefällen ihren Geburtstag
mit anderen Kindern und fahren in der Regel nicht in Urlaub.
Mit wachsenden Schulschwierigkeiten
entwickeln arme Kinder ein problemmeidendes Bewältigungsverhalten, dem negative
Wirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung, die Gesundheit und die
Widerstandskraft gegen Belastungen und Stressoren zugesprochen werden . Sie
entwickeln auch größere Verhaltensauffälligkeiten. Als dauernde Überforderung
wird die Grundschule für arme Kinder und deren Familien zu einer Belastung für
das Leben in der Familie insgesamt. Sie beeinflusst aber auch außerschulische
Aktivitäten negativ, weil sie arme Kinder mit Schulschwierigkeiten durch die
Zuweisung zu Sonderschulen sozial segregiert.
In dieser Situation erweist sich nach den
Erkenntnissen der Studie derzeit der Hort als das zentrale außerschulische
Angebot für arme und belastete Kinder. Die Studie bestätigt ihn in seiner
Auffang- und Ersatzfunktion für ein problematisches Elternhaus und die fehlenden
Angebote anderer Institutionen. Er ist als Lebensraum mit seiner
sozialintegrativen Funktion mehr als Betreuung, Hausaufgabenhilfe und
Spielangebot.
Die Studie belegt ein krasses Defizit an
vernetzten kind-, eltern- und familienbezogenen Angeboten und Hilfen während
der bildungs- und lebensbiografisch entscheidenden Grundschulzeit, in der die
Weichen für weitere Lernprozesse gestellt werden. Kinder- und Jugendhilfe sind
strukturell nicht vernetzt, allenfalls bestehen zufalls- und einzelfallbezogenen
Verknüpfungen.
Betreuungsangebote sind keine Lösung
Vor diesem Hintergrund müssen
Grundschule, Kinder- und Jugendhilfe neu gedacht werden. Ziel einer vernetzen
Arbeit von Schule, Kinder-, Jugend- und Familienhilfe muss ein doppeltes sein:
umfassende individuelle Unterstützung und Förderung der armen Kinder sowie die
Stärkung der Erziehungskompetenzen ihrer Eltern.
Da die Bundesregierung die Abrufung der
Mittel für die Einrichtung von Ganztagsschulen nicht an einzuhaltende
Qualitätsstandards bindet, steht zu erwarten, dass in den Ländern jedwede
Konstruktion erweiterter Angebote als Ganztagsschule deklariert wird. Die Konzeption
der „offenen Ganztagsgrundschule“, wie sie in NRW beispielsweise für das nächste
Schuljahr anvisiert wird, kann die kompensatorischen pädagogischen Aufgaben mit
einem lediglich angehängten betreuten Nachmittagsbereich nicht annähernd
erfüllen.
Aufgrund ihrer Konstruktionsmängel kann
sie Kindern und Eltern in Armutssituationen keine nachhaltige Entlastung und
Unterstützung in ihren belasteten Lebenslagen bringen: Bildung und Erziehung
der betroffenen Kinder kommen aber auch weiterhin in der Schule zu kurz. Für
die Lernprozesse im Unterricht gilt wie bisher, dass den LehrerInnen ein viel
zu enger Zeitrahmen zur Verfügung steht. Nur bildungsnahe Elternhäuser können
diesen Mangel kompensieren.
Wegen der fehlenden personellen und
konzeptionellen Verzahnung von Vor- und Nachmittagsbereich, von Schule,
Kinder-/Jugendhilfe und sonstigen Akteuren mangelt es auch an einem
einheitlichen und verbindlich geltenden Bildungs- und Erziehungskonzept. Durch
den Wechsel der betreuenden Personen sind vielmehr Brüche, Widersprüche und
Diskrepanzen in der Erziehungsarbeit zu befürchten.
Die Erfahrung verlässlicher sozialer
Beziehungen ist für Kinder in Armutssituationen besonders wichtig. Durch einen
häufigen Personalwechsel mit unterschiedlichem (möglicherweise auch gar keinem)
pädagogischen Qualifikationsprofil ist diese Erfahrung nur schwer herstellbar.
Arme Kinder brauchen ein reichhaltiges
und hochwertiges kulturelles Angebot in der Schule, um den häuslichen Mangel zu
kompensieren. Dies ist nicht sichergestellt, wenn hochwertige Angebote
zusätzlich eingekauft und von Eltern
bezahlt werden müssen.
An benachteiligten Schulstandorten kann
die Mitarbeit von Eltern nicht vorausgesetzt werden, sie muss erst aufgebaut
werden durch die Stärkung der elterlichen Kompetenzen. Dafür gibt es aber keine
Strukturen in der offenen Ganztagsgrundschule.
Was arme Kinder brauchen, ist eine echte
Ganztagsgrundschule mit pädagogischem Profil, die sich an qualitativen
Standards für integrative Angebote von Erziehung, Bildung und Betreuung orientiert
und überall da angeboten wird, wo sie gebraucht wird. Ohne die Erfüllung dieser
Standards verbietet sich das Plattmachen der Horte zugunsten der Ganztagsgrundschule,
wie es z. B. die Landesregierung in NRW in ihrem Erlass vorgibt.
Brigitte Schumann