Der politischen Integrationsrhetorik zum Trotz bleiben Migranten die großen Verlierer in unserem Schulsystem

 

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen und das Institut für Politikwissenschaften an der Universität Münster errechneten 1996 in einem gleichlautenden Gutachten die „Kosten der Nichtintegration ausländischer Zuwanderer“ im Auftrag des damaligen Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales unter dem damaligen Minister Axel Horstmann. Das Gutachten hielt der Landesregierung die Defizite ihrer Integrationspolitik vor und forderte sie dazu auf, die „Bildungsrückstände der ausländischen Bevölkerung“ anzugehen.

 

„Insbesondere der hohe Anteil ausländischer Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss erscheint bedenklich; diesen Jugendlichen ist eine berufliche Qualifikation weitgehend versperrt und eine Karriere als un- oder angelernter Arbeiter vorprogrammiert“, schrieben die Gutachter in ihrer zusammenfassenden Bewertung der Situation. Nicht nur führe die unterschiedliche Bildungsbeteiligung der deutschen und nichtdeutschen Jugendlichen zu einer gesellschaftlichen Spaltung, sie sei auch volkswirtschaftlicher Unfug. Durch die Ausgrenzung eines hohen Migrantenanteils aus dem Arbeitsmarkt als Folge der defizitären Schulbildung entgingen dem Landeshaushalt und den Kommunen in NRW jährlich 1 –3 Mrd. DM an Steuereinnahmen und an Sozialversicherungsbeiträgen.

 

 Die Reaktion des Sozialministers war bezeichnend: Er nahm das Gutachten zum Anlass, die Landesregierung für ihre integrationspolitischen Anstrengungen zu loben und stellte fest: “Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen sieht in dem Gutachten eine Bestätigung für ihre Integrationspolitik.“

 

Ein statistischer Vergleich der Hauptschulabschlussquoten von 1993 im RWI-Gutachten mit den aktuellen Zahlen von 2001 aus den Amtlichen Schuldaten NRW belegt, dass sich an der „bewährten“ Integrationspolitik in NRW tatsächlich nichts geändert hat. Ein Durchbruch zu einer nachhaltigen Verbesserung in immerhin fast zehn Jahren hat nicht stattgefunden. Waren es 1993 noch 17 % der nichtdeutschen SchülerInnen, die die Hauptschule ohne Hauptschulabschluss verließen, so sind es 2001 15,4%, mit einer wieder ansteigenden Tendenz seit 1999. Auch der Trend zur Überrepräsentation von Migranten in Sonderschulen wegen ihrer Sprachdefizite ist ungebrochen. Dabei ist die Zahl der Migrantenjugendlichen, die die Sonderschulen ohne irgendeinen Abschluss verlassen, in den letzten zwei Jahren explosionsartig von 62% auf 71%. angestiegen.

 

Die unterschiedlichen Bildungswege der deutschen und der nichtdeutschen  SchülerInnen nach Klasse 4 sind ein unwiderlegbarer Beweis für die sozialen Exklusionseffekte, die unser Bildungssystem in allen Bundesländern produziert. Nach der KMK-Statistik von  2000 besuchen nur noch 17,9% der deutschen SchülerInnen die Hauptschule in NRW, aber 40,1 % der Migranten. Bei der größten Migrantengruppe in NRW, den türkischen Jugendlichen, sind es sogar noch 41,3%. Deutsche SchülerInnen besuchen das Gymnasium zu 41,8 %, während es bei den nichtdeutschen SchülerInnen nur 18% sind. Zur Sonderschule gehen 6,6% der Migrantenkinder, bei den deutschen sind es nur die Hälfte.

 

Die Statistik entlarvt die bisherige Politik als bloße Integrationsrhetorik. Auch zu Beginn des neuen Jahrtausends ist unser Schulsystem weit davon entfernt, allen Kindern und Jugendlichen einen Mindestabschluss zu sichern, wie das z. B. bei den erfolgreichen PISA-Ländern der Fall ist.

 

Die SPD in NRW hat die Zeichen der Zeit immer noch nicht verstanden. Statt  mit Bildungsinvestitionen in das Humankapital, wie man heute sagt, zu investieren und damit auch langfristig volkswirtschaftliche Gewinne einzufahren, übernimmt sie lieber eine Risikobürgschaft für ein unsinniges Industrieprojekt, dessen Finanzierungskonzept schon jetzt eine Deckungslücke von 679 Millionen Euro aufweist. Interessanterweise ist an der falschen politischen Entscheidung wieder Herr Horstmann beteiligt, nur dieses Mal in der Funktion des Verkehrsministers.

 

Brigitte Schumann

ifenici@aol.com