Interview mit Pirjo Linnakylä,

Professorin am Institut für Bildungsforschung

Universität von Jyväskylä,

Koordinatorin für den Bereich Lesekompetenz

im Finnischen PISA-Team

 

B.S.: Frau Lynnakylä, Sie haben den Bereich der Lesekompetenz in der PISA-Studie für Finnland koordiniert. Was waren nach Ihrer Meinung die wichtigsten Ergebnisse aus der internationalen Studie für Finnland?

 

P.L.: PISA hat gezeigt, dass eine hohe Qualität der Bildung und gleichzeitig ein hoher Grad an Chancengleichheit miteinander vereinbar sind. Das bedeutet, dass die finnische  Gesamtschule über Schlüsselkompetenzen verfügt, um beide Ziele zu erreichen. Es ist ausgesprochen ermutigend, dass es nicht um ein Entweder-Oder geht. Beides geht durchaus zusammen.

 

Ein anderes wichtiges Ergebnis ist, dass die Leistungsunterschiede zwischen unseren Schulen  innerhalb der OECD-Länder am geringsten ausgeprägt waren. Der Beruf der Eltern und ihr sozioökonomischer Status spielen auch nur eine geringe Rolle für die Ergebnisse.

 

A.R.: Was erklärt den Erfolg der finnischen Schulen aus Ihrer Sicht?

 

P.L.: Es gibt mehrere Faktoren. Ich werde allerdings nur die drei bedeutendsten nennen. Sie sind die Schlüssel zum Erfolg:

 

Begeisterung für Lesen ist der erste „Schlüssel“. Es gibt eine Lesetradition in unserem Land, die mit dem Zugang zu guten Büchereien für Jedermann verbunden ist. Die finnischen Schüler und Schülerinnen leihen mehr Bücher aus als andere. Finnische Büchereien sind wirklich attraktive Orte für junge Leute. Die Kids lieben es, in eine Bücherei zu gehen.

 

Der zweite „Schlüssel“ ist das Gesamtschulsystem. Du musst Dich um jeden Schüler kümmern, Du musst einen Unterricht machen, der jeden Schüler erreicht. Dafür brauchst Du unterschiedliche pädagogische und didaktische Strategien. Du kannst nicht Schüler ausschließen und zu einer anderen Schule schicken. Jedes Kind zählt und verdient Unterstützung.

 

Der dritte „Schlüssel“ ist die hohe Qualität der Lehrerausbildung. Alle Lehrer, Grundschullehrer eingeschlossen, sind gut ausgebildet und haben einen Masters Degree. Die besten Studenten wollen Grundschullehrer werden. Der Status unserer Lehrer ist hoch.

 

B.S.: Haben Sie die deutschen Ergebnisse überrascht?

 

P.L.: Ja, ich war schon überrascht, dass die deutschen Schüler nicht besser abgeschnitten haben. In früheren Vergleichsstudien 1991, 94 und 98 waren sie nah am Durchschnitt oder sogar darüber.

 

B.S.: Wie erklären Sie sich die extrem niedrigen Ergebnisse von Deutschland in PISA 2000?

 

P.L.: Das Leseinteresse ist in Deutschland geringer als in Finnland. Aber das erklärt nicht die Unterschiede.

Wenn wir die Leistungsverteilung vergleichen, dann stellt sich heraus, dass die Leistungsspanne und der Unterschied zwischen den besten und den schlechtesten Schülern in Deutschland sehr viel größer sind als in Finnland. Und das bezieht sich auf alle untersuchten Gegenstände: Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. In Deutschland spielt der sozioökonomische Status der Eltern und ihr Beruf eine sehr viel größere Rolle als in Finnland und in anderen OECD-Staaten. Wenn dieser sozioökonomische Status sich mit dem Zuweisungsverfahren zu den gegliederten Schulformen verbindet und auch noch mit dem Migrantenstatus von Schülern gekoppelt ist, wie dies wohl häufig der Fall ist, dann erklären sich daraus zum größten Teil die großen Leistungsunterschiede.

 

A.R.: Nachdem Finnland so gut abgeschnitten hat, gibt es da überhaupt noch Herausforderungen für finnische Schulen?

 

P.L.: O ja, natürlich. Wie in allen OECD- Ländern gibt es eine relative Minderleistung in der Lesekompetenz bei den Jungen. Lesen ist für Jungen häufig eine reine Mädchensache. Verbesserungen sind notwendig sowohl in der Lesefähigkeit als auch in der Akzeptanz der Lesekultur im allgemeinen. Wir könnten auch besser sein in der Reflexion und Bewertung von Texten.Wir sollten mehr darauf achten, die begabten Schüler zu ermutigen, und ihr selbstorganisiertes Lernen fördern. Es ist ganz wichtig für die Gesellschaft, dass sie das Potential und die Kompetenz aller Schüler und Schülerinnen aktiviert.

 

A.R.: Gibt es Empfehlungen, die Sie Deutschland mit auf den Weg geben könnten?

 

P.L.: Politiker in den meisten Ländern zielen nicht nur auf hohe Ergebnisse ab, sondern  wollen auch Minderleistungen verringern. Ich bin fest von der Gesamtschule überzeugt, nicht nur als Ideal, sondern als Praxis. Alle Kinder in einer Schule zu unterrichten, hilft, jedes Kind als ein Individuum anzuerkennen. Und die sozioökonomischen Unterschiede bestimmen nicht die Bildungsergebnisse. Das könnten ein paar Richtlinien sein.

 

B.S.: Frau Linnakylä, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Das Gespräch mit Prof. Lynnakylä führten Anne Ratzki und Brigitte Schumann am 25. April auf dem Campus der Universität Jyväskylä.