Ein Blick auf das norwegische Schulsystem aus der Sicht einer Schulleiterin Interview mit Marianne Stokke, Schulleiterin an der Risum Gesamtschule in Halden

 

Frage: Im Gegensatz zu Deutschland hat Norwegen recht gut im internationalen Leistungsvergleich bei PISA im Hinblick auf Qualität und Chancengleichheit abgeschnitten. Welches sind die Schlüsselfaktoren für diese Ergebnisse?

 

M. S.: Ich möchte zunächst einmal herausstellen, dass die norwegischen Schulbehörden alles andere als glücklich sind über die norwegischen Ergebnisse. Unsere neue Bildungsministerin hat einen Brief an alle Schulen geschrieben. Darin appelliert sie an größere Anstrengungsbereitschaft. Sie misst uns an Finnland und scheint ziemlich pikiert darüber zu sein, dass die Finnen so viel besser sind in Mathematik als wir.

 

Nun, warum haben wir gut abgeschnitten? Da sind zunächst einmal die kleinen Klassen zu nennen, die wir im Vergleich zu anderen Ländern haben. Höchstens 30 Schüler in den Sekundarschulen und 26 in den Grundschulen. Dann haben wir z.B. hier in Halden 3 Lehrer pro Klasse aufgrund des Anspruchs, dass Kinder und Jugendliche mit Lernproblemen und mit Behinderungen innerhalb des Klassenverbandes bleiben oder wenigstens - je nach ihrer Behinderung - teilweise integriert werden. Es gibt also mehr Erwachsene, die während des Unterrichts unterstützend wirken und es möglich machen, die Klassen in den Fächern Mathematik, Englisch und Norwegisch zu verkleinern.

 

Außerdem liegt unser Hauptaugenmerk auf den Fortschritten der SchülerInnen. Wir hacken also nicht drei Jahre lang auf dem herum, was sie schon in der Vergangenheit nicht lernen konnten. Wir verzichten auf das abstrakte Training von Multiplikationsoperationen und auf endlose unproduktive Rechtschreibübungen. Die Schüler dürfen auch Wörterbücher in ihren Prüfungen benutzen.

 

Das ist unser Gesamtschulsystem, kein Streaming, aber kleine Gruppen. Auch in den praktischen Fächern wie Kunst, Hauswirtschaft, Musik und Naturwissenschaften werden die Klassen geteilt, damit jeder die nötige Unterstützung bekommen kann. Das macht in meiner Schule ungefähr einen zusätzlichen Unterrichtsbedarf von 70 Extra-Unterrichtsstunden pro Woche aus.

 

Es wird von unseren Lehrern erwartet, dass sie die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Schüler berücksichtigen, wenn sie ihren Unterricht planen. Das bedeutet auch eine Menge an Lehrerkooperation in Teams. Von den Lehrern wird auch erwartet, dass sie möglichst viele Fächer in einer Klasse unterrichten. Unser Credo ist, dass die Schüler nur dann lernen, wenn sie sich sicher fühlen. Lernen kann nicht wirklich stattfinden, wenn Kinder und Jugendliche Angst oder Sorgen haben. Wir müssen uns also um die sozialen Bedürfnisse unserer Schüler und Schülerinnen kümmern, mit den Eltern kooperieren, die Schüler in ihren Lebenszusammenhängen sehen. Also, es geht um eine ganzheitliche Perspektive.

 

Frage: Auf welche Weise hat die politische Entscheidung für Inklusion die norwegischen Schulen und die Unterrichtspraxis verändert?

 

M.S.: Am Anfang stand der Beschluss der Regierung , dass alle Sonderinstitutionen für Schüler mit Behinderungen geschlossen und sie stattdessen im Regelschulsystem gefördert werden sollten. Um den Schulen kompetenten Rat und wirkliche Unterstützung zu geben, wurden „Kompetenzzentren“ aufgebaut. Das erklärt auch, warum wir mehr Lehrer und Lehrerinnen pro Klasse haben. Ich musste meine Unterrichtspraxis erheblich umstellen. Ich musste mir klarmachen, dass ich ganz heterogene Gruppen vor mir habe mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten. Man muss Pläne für alle machen. Für die Intelligenten und Schnellen, die Herausforderungen brauchen, und für die langsam Lernenden, die vielleicht nur die Hälfte der Übungen bewältigen können. Ein Lehrer, der nur Frontalunterricht macht und dann die Kinder mit ihren Hausaufgaben am Abend alleine lässt, das ist ein hoffnungsloser Fall. Lehrer mit den herkömmlichen Methoden kämpfen, aber sie müssen sich ändern. Es ist ein ernsthaftes Interesse an ganzheitlichen Lernkonzepten entstanden. Lehrer kooperieren miteinander bei den Unterrichtsvorbereitungen, bei der Individualisierung, Differenzierung und bei der Evaluation des Unterrichts und der Lernprozesse.

 

Frage: Eine der größten Herausforderungen in der Zukunft für norwegische Schulen wird die Schulautonomie sein. Ist Schulautonomie ein Beitrag zu mehr Qualität und Chancengleichheit? Oder gibt es da auch Risiken?

 

M.S.: Wenn ich die korrekte Summe für die Lehrergehälter bekomme, die ich brauche, dann ist Autonomie in Ordnung. Was ich auf keinen Fall will, ist ein Gesamtbudget, das die Zahl der Schüler und ihre Bedürfnisse völlig unberücksichtigt lässt. Toll, wenn ich das eingesparte Geld für Energiekosten als Schule für etwas anderes verausgaben darf! Aber ob das mehr Qualität bringt? Ich weiß es nicht. Es gibt eben die Risiken. Den Schulen Geld zu geben für die Gehälter ohne Rücksicht auf die lokalen Gegebenheiten, ist ein großes Risiko. Die Zahl der Lehrer, die die Schule den Schülern geben kann, ist für mich ein Qualitätsindikator. Man muss den Politikern ganz deutlich sagen, welche Aktivitäten eingeschränkt oder gestrichen werden müssen, wenn sie die Mittel kürzen. Die Einführung des Personalbudgets ist derzeit der heißeste Streitpunkt. Wenn die Schulleiter die Zuständigkeit für alles bekommen und ökonomisch verantworten müssen, dann ist mein Job kein pädagogischer mehr. Das ist schon jetzt mein Problem. Ich wende mehr Zeit auf für ökonomische Fragen als für meine Schüler. Das kann nicht richtig sein.

 

(Das Interview mit Marianne Stokke führte Brigitte Schumann im Februar 2002 in Halden.)

 

Fakten über das norwegische Schulsystem:

 

Die norwegische Gesamtschule ist unterteilt in eine Grundschule von Klasse 1 - 7 und eine Sekundarschule von Klasse 8 - 10, danach folgt eine dreijährige Oberstufe mit einem gymnasialen und beruflichen Zweig. Beide Wege ermöglichen den Zugang zur Universität. Die Verlängerung des gemeinsamen Lernens ohne Leistungsdifferenzierung von 9 auf 10 Jahre wurde 1997 beschlossen. Mit dem politischen Beschluss zur Auflösung der Sonderschulen von 1995 konnte der Anteil der Schüler mit Behinderungen, die außerhalb der Regelschulen gefördert werden, bis heute dramatisch auf 0,5% gesenkt werden. Auf dem Weg zu einem Schulsystem, das niemanden mehr aussondert, ist Norwegen allen anderen nordischen Ländern überlegen. Eine weitere Besonderheit: Für alle Schulstufen ist Projektunterricht mit einem festen Anteil in der Stundentafel obligatorisch festgeschrieben.

 

Die weitgehende Verwirklichung von Inklusion wird nicht mit einer Minderung der Lernleistungen bezahlt. Bei TIMSS III, der internationalen Vergleichsstudie zu den mathematisch-naturwissenschaftlichen Leistungen in der Sekundarstufe II, haben norwegische SchülerInnen eine hohe Abiturientenquote von über 50 % mit exzellenten Spitzenleistungen vorweisen können. In der PISA-Studie liegen die Leistungen der norwegischen SchülerInnen in allen untersuchten Domänen deutlich über dem OECD - Durchschnitt. Norwegen wird auch Erfolg bei der Förderung seiner Migranten attestiert.

 

Brigitte Schumann

Sprecherin der LAG Bildung

von Bündnis 90/ Die Grünen in NRW

ifenici@aol.com