Das
Gymnasium und der Klau der Kindheit
Der Fluch G8 geht um! Was wie eine Wunderwaffe klingt
und als solche auch bildungspolitisch verkauft wurde, ist inzwischen den Kultusministern
auf die Füße gefallen. Die Verkürzung des Gymnasiums von 9 auf 8 Jahre wird von
den Abnehmern als Zumutung erlebt. Eltern sind sich darin einig, dass ihren indern durch die Beschleunigung des Lernens keine freie Zeit
mehr bleibt und das Kindeswohl verletzt ist. Bis in den Nachmittag hinein wird gelernt.
Der Ganztagsunterricht ist faktisch über Nacht ins Gymnasium eingezogen, ohne
dass es dafür die einfachsten Grundlagen gibt, wie z. B. ein warmes Mittagessen
in entsprechenden Räumlichkeiten. Die Verdichtung des Lernstoffs erschwert das
Verständnis im Unterricht und zwingt viele Gymnasiasten und deren Eltern zum
häuslichen Nacharbeiten. Der krankmachende Stress und die Nöte der Schüler und
Schülerinnen am Gymnasium haben mit G8 auch
Einzug gehalten in alle Talkshows. Seitdem die Rechte der Kinder dort von Talkmastern öffentlich verteidigt werden, ist
G8 zum unabweisbaren Problem geworden für die Bildungspolitik, die
offensichtlich nicht wusste, was sie da tat. Sie beeilt sich jetzt zu
versichern, dass man die Lehrpläne „entschlacken“ wolle.
Für die Öffentlichkeit mag damit das Thema bald
wieder erledigt sein. Aber ist es das wirklich? Die jetzige Debatte über das
Gymnasium und dessen Ausgestaltung hat noch nicht den Kern des Problems berührt.
Publicityträchtige Schlagzeilen verdecken, dass es unabhängig von G8 - z. B.
mit der Abschiebung zu anderen Schulformen - Selektionsprobleme für
Gymnasiasten gab und gibt, die die Betroffenen in Angst und Verzweiflung stürzen
können. Auch der Klau der Kindheit fängt nicht erst mit G8 im Gymnasium an.
Schon die Grundschulkinder sind davon betroffen und demnächst vielleicht sogar die
Kleinsten in den Kitas. Erst die Erkenntnis, dass all
dies mit der Existenz des Gymnasiums selbst zusammenhängt, führt zu des „Pudels
Kern“.
Spätestens seit das Gymnasium zum Marktführer unter
den Schulformen in Deutschland geworden ist, sehen sich die Grundschulen als reine
„Durchgangsschulen“ und „Zubringer“ zum Gymnasium für eine bestimmte und
bestimmende Elternschaft entwertet. Die Qualität der Grundschule nur daran zu
messen, wie gut sie die Kinder für das Gymnasium fit macht, konterkariert die Verwirklichung einer kindgerechten
Grundschulpädagogik.
Dass pädagogische Bemühungen um das Wohlbefinden und
die soziale Anerkennung eines jeden Kindes in der Lerngruppe, also Bemühungen um
die Grundlage für erfolgreiches Lernen schlechthin, öffentlich von politischer
Seite als „Kuschelpädagogik“ diskreditiert werden können, beweist die bildungspolitische
Hegemonie eines Lern- und Leistungsbegriffs, der von der Selektionspädagogik
des Gymnasiums abgeleitet ist. Daraus resultiert z. B. der Zwang, schon in der
Grundschule das System der vergleichenden Ziffernnoten normativ auf alle Kinder
anzuwenden. Dabei ist die gesellschaftliche Notwendigkeit, Kinder individuell
im Lernen zu unterstützen und ihnen Raum
und Zeit zu geben für ihre unterschiedliche Lernentwicklung ohne Druck, aber in
Orientierung an dem Potential des einzelnen Kindes, erziehungs- und neurowissenschaftlich
unbestritten.
Die schädlichen Folgen des schulischen
Leistungsdrucks, gepaart mit hohen familiären Leistungserwartungen, zeigen sich
in den überfüllten Praxen von Kinderärzten, Psychologen und Beratungsstellen. Diese diagnostizieren
ihrerseits eine permanente Überforderung der Kinder an unterschiedlichen
Symptomen bis hin zu Depressionen.
Kinder aus Familien der Unterschicht bzw. in
Armutslagen ohne die entsprechende soziale und kulturelle Ressourcenausstattung
ihrer Elternhäuser werden dagegen schon in der Grundschule erfolglos abgehängt
und in ihrem Lernen entmutigt. Ein belastender Außenseiterstatus in der Gruppe
ist ihnen meistens gewiss. Sie müssen mit Hänseleien und Bloßstellungen ihrer
Mitschüler rechnen. Grundschulpädagogen können bestätigen, dass die
Übergangsempfehlung zur Hauptschule heute Anlass für vielfältige Beschämungen
durch andere Schüler ist, die die Würde und Selbstachtung der Betroffenen
verletzen. Wen wundert `s, dass Kinder in benachteiligten Lebenslagen - wie die
Kinderstudie von World Vision aktuell festgestellt hat - ein eher
pessimistisches Selbstbild entwickeln, das wiederum negativ auf ihre
Leistungsentwicklung und ihr Wohlbefinden zurückwirkt.
Nur vier gemeinsame Grundschuljahre konnte den
Vertretern der Gymnasialinteressen 1920
auf der Reichsschulkonferenz abgerungen werden. Damit wurde das Elend der frühen
Aufteilung und der sozialen Segregation für alle Kinder bis in unsere Zeit festgeschrieben.
Das wichtigste Lernziel für unser Jahrhundert, das gesellschaftliche Zusammenleben
zu lernen, kommt dabei verfehlt. Auch den privilegierten Gymnasiasten wird die
Chance vorenthalten, in der Gemeinsamkeit mit anderen Kindern unterschiedlicher
Herkunft Kompetenzen als toleranz-, konflikt- und dialogfähige Menschen zu
entwickeln.
In den Bundesländern, wo es sie gibt, werden die Gesamtschulen
von immer mehr Eltern als Alternative zum
Gymnasium entdeckt und angewählt. Nicht zuletzt wegen der guten individuellen
Förderung anstelle von Selektionsdruck, der Akzeptanz von Heterogenität anstelle
von Ausgrenzung und der Offenheit der Bildungsabschlüsse anstelle von vorzeitiger
Festlegung der Bildungschancen 10-jähriger Kinder. Die Nachfrage in NRW ist
riesig. Allein zum kommenden Schuljahr werden wohl 15 000 Kinder aus Kapazitätsmangel
abgewiesen werden. Es darf als Ironie des Schicksals angesehen werden, dass es
wiederum auf das Konto der Institution Gymnasium und dessen Befürworter geht,
dass die Gesamtschule anders als in den europäischen Nachbarländern in den
1970er Jahren nicht zu der ersetzenden Schulform in Deutschland werden durfte. Mit
dem Modell der Zweigliedrigkeit wird nunmehr der politische Versuch gemacht, die Entwicklung hin zur Gemeinschaftsschule
zu torpedieren. Das Gymnasium soll so nicht nur weiterhin erhalten, sondern zu
einer exklusiven Schulform ausgestaltet werden.
Das Kindeswohl wird in vielfältiger Weise unmittelbar
und mittelbar beschädigt und verletzt durch die Existenz des Gymnasiums, mit
dem die Leistungsselektion und die soziale Selektion in Deutschland institutionell
stehen und fallen. Dabei geht es um den Klau von Kindheit und von Zukunft. Ihrer
Zukunft beraubt werden auf jeden Fall die vielen aussortierten
Bildungsverlierer.
Die Diskussion, die jetzt begonnen hat mit der
Infragestellung von G8 muss erweitert werden um die Frage: Brauchen wir das
Gymnasium? Und wenn ja, für wen eigentlich?
Dr. Brigitte Schumann