Liebe Freundinnen und
Freunde!
Ich bringe Euch die Grüße
und Glückwünsche des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen zum 25-jährigen
Jubiläum. Wir feiern das in zwei Monaten. Ich habe mich gemeldet, weil ich
gerade eine Woche praktische Naturschutzarbeit im Schwarzwald hinter mir habe
und viele gute Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit Euch habe.
Euer Landesverband hat viele
wichtige Akzente bei der Entwicklung der Grünen gesetzt. Das begann schon durch
Einfangen alternativer Ideen etwa im Achberger Kreis. Ich nenne weiter die
Gebiete Umwelt, Wirtschaft und Entwicklungspolitik und will den Haushalt nicht
vergessen. Als für Ökologie und Menschenrechte verantwortlicher Sprecher des
Bundesvorstands von 1982 bis 1984 und später im Bundestag von 1987 bis 1990
waren die Grünen Baden-Württemberg stets verlässliche Freunde, während andere
etwa die Unterstützung der unabhängigen Gruppen in der DDR gar nicht gern
sahen. Und heute ziehen Winne Hermann mit Reinhard Loske und Michaele Hustedt
aus NRW am gleichen Strang. Sie haben im Bundestag gemeinsam die jahrzehntelang
verschleppte Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes durchgesetzt. Das ist
eine große Leistung.
Im Rückblick auf die 25 Jahre Grüne fallen mir drei
Marksteine ein.
1. Die
Befreiung vom Links-Rechts-Schema
als einzigen Maßstab zur Bewertung von Politik. Bei der Gründung der Grünen NRW
gab es große Spannungen zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen. Plötzlich
rief einer die Ökologen zum Auszug aus der Versammlung auf, weil ihm alles ganz
nach links abzurutschen schien. Da holte ich einen Zollstock aus der Tasche,
hielt ihn waagerecht vor mich und sagte: „Das ist die Links-Rechts-Elle. Damit
wird jeder Einzelne und jede Partei gemessen, bist Du links, in der Mitte oder
rechts. Das reicht nicht.“ Dann drehte ich den Zollstock in die Senkrechte und
fuhr fort: „Das ist unser Maßstab, der ökologische Maßstab, unten ist
unökologisch und oben ökologisch, ganz unten sammeln sich CDU, DKP und FDP in
der Mitte vielleicht die SPD und ganz oben sind die Grünen. Richten wir uns
nach diesem Maßstab, können auch Menschen aus ganz unterschiedlichen Gruppen
konstruktiv zusammen arbeiten.
2. Der zweite Markstein war die Verknüpfung von Ökologie und Wirtschaft im Begriff der
Nachhaltigkeit, die mir als Forstmann schon lange vertraut ist. Wir haben
dadurch erreicht, dass man die Wirtschaft nicht als Momentaufgabe sehen darf,
sondern auf ihr langfristiges Bestehen in Beziehung zu den natürlichen
Grundlagen der Erde achten muss.
3. Der dritte Markstein schließlich ist die Verknüpfung von Ökologie und Sozialem.
Auch hier gilt es, das Bestehen der Sozialsysteme nicht nur für eine
Wahlperiode, sondern langfristig zu
sichern. Das versucht die Regierung gerade. Dass die erste Regierung Schroeder
ihr opportunistisches Wahlversprechen, den demographischen Faktor in der
Rentenberechnung zu streichen, verwirklichte, war dagegen ein schweres Vergehen
gegen das Prinzip der Nachhaltigkeit.
Doch zwei riesige Aufgaben liegen noch vor uns.
Wir brauchen ein Wirtschaftmodell, das ohne Wachstum
auskommt. Für diese Aufgabe müssen wir die besten Köpfe Deutschlands und
der ganzen Welt gewinnen. Wenn es uns gelingt, ein solches Modell in Europa zu
verwirklichen, besteht die Chance, dass auch Indien und China dieser Richtung
folgen. Jetzt strebt die Oberschicht dort – wie auch hier - dem
verantwortungslosen Lebensstil der US-Amerikaner nach und wir helfen mit
unseren Autofabriken kräftig dabei. Dieser massiven Zunahme der Ansprüche ist
die Biosphäre nicht gewachsen.
Vor die andere Aufgabe
stellt uns der demographische Wandel.
Unsere Gesellschaft wird älter, diesem Prozess müssen sich auch die
Bündnisgrünen stellen. Wir haben deshalb im August die Organisation „Grüne
Alte“ gegründet, denn keine Generation kann die Probleme allein lösen.
Die Grünen Alten treten für
ein selbstverantwortliches und selbstbestimmtes Leben älterer Menschen ein. Wir
möchten selber entscheiden, wie wir leben und nicht andere über unser Leben bestimmen
lassen.
Unter
neuer Altenpolitik verstehen wir die
selbstbewusste Bejahung unseres Alters, das wir nicht verleugnen oder künstlich
jung machen wollen. Wir wenden uns gegen jede Form der Altersdiskriminierung
und fordern z. B. entsprechende Anteile in den Medien, um unsere Sicht der
Politik und der Gesellschaft öffentlich zum Ausdruck zu bringen.
Ältere
Menschen bejahen die Nachhaltigkeit, denn sie haben erfahren, dass nur eine
solche Lebensweise Zukunft hat und ein erfülltes Leben bis zum Alter
ermöglicht.
Noch eins, was wir ändern
müssen. Kinder erscheinen in der politischen Debatte nur noch als Kostenfaktor,
Armutsrisiko und Belastung. Das stimmt nicht. Kinder sind die Quelle unzähliger kleiner Freuden der Eltern und
Großeltern. Selbst wenn sie den Erwachsenen schwierig erscheinen, zwingen sie
uns zur geistigen Auseinandersetzung und erhalten uns so lebendig. Wenn ich
heute mit 81 Jahren noch munter und engagiert vor Euch stehe, verdanke ich dies
auch meinen acht Enkeln, mit denen ich zusammen oft wieder jung sein durfte.
Eine Gesellschaft, die durch den Anspruch auf totale Flexibilität und
Verfügbarkeit von Arbeitskräften so viele Familien hindert, Kinder zu haben,
versagt erbärmlich und zerstört die Grundlage der eigenen Existenz.
Mein Schluss. Die Grünen Alten haben ihre Wurzeln nicht
vergessen. Wir werden das auch bei der Partei nicht zulassen und im Bündnis
mit der grünen Jugend sind beide stärker.