Marksteine der Grünen

 

Grüße aus Nordrhein-Westfalen zum 25jährigen Bestehen der Grünen Baden-Württemberg

in Bad Saulgau am 23.10.2004 von Wilhelm Knabe, Mülheim-Ruhr

 

Liebe Freundinnen und Freunde!

 

Ich bringe Euch die Grüße und Glückwünsche des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen zum 25-jährigen Jubiläum. Wir feiern das in zwei Monaten. Ich habe mich gemeldet, weil ich gerade eine Woche praktische Naturschutzarbeit im Schwarzwald hinter mir habe und viele gute Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit Euch habe.

 

Euer Landesverband hat viele wichtige Akzente bei der Entwicklung der Grünen gesetzt. Das begann schon durch Einfangen alternativer Ideen etwa im Achberger Kreis. Ich nenne weiter die Gebiete Umwelt, Wirtschaft und Entwicklungspolitik und will den Haushalt nicht vergessen. Als für Ökologie und Menschenrechte verantwortlicher Sprecher des Bundesvorstands von 1982 bis 1984 und später im Bundestag von 1987 bis 1990 waren die Grünen Baden-Württemberg stets verlässliche Freunde, während andere etwa die Unterstützung der unabhängigen Gruppen in der DDR gar nicht gern sahen. Und heute ziehen Winne Hermann mit Reinhard Loske und Michaele Hustedt aus NRW am gleichen Strang. Sie haben im Bundestag gemeinsam die jahrzehntelang verschleppte Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes durchgesetzt. Das ist eine große Leistung.

 

Im Rückblick auf die 25 Jahre Grüne fallen mir drei Marksteine ein.

 

1.       Die Befreiung vom Links-Rechts-Schema als einzigen Maßstab zur Bewertung von Politik. Bei der Gründung der Grünen NRW gab es große Spannungen zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen. Plötzlich rief einer die Ökologen zum Auszug aus der Versammlung auf, weil ihm alles ganz nach links abzurutschen schien. Da holte ich einen Zollstock aus der Tasche, hielt ihn waagerecht vor mich und sagte: „Das ist die Links-Rechts-Elle. Damit wird jeder Einzelne und jede Partei gemessen, bist Du links, in der Mitte oder rechts. Das reicht nicht.“ Dann drehte ich den Zollstock in die Senkrechte und fuhr fort: „Das ist unser Maßstab, der ökologische Maßstab, unten ist unökologisch und oben ökologisch, ganz unten sammeln sich CDU, DKP und FDP in der Mitte vielleicht die SPD und ganz oben sind die Grünen. Richten wir uns nach diesem Maßstab, können auch Menschen aus ganz unterschiedlichen Gruppen konstruktiv zusammen arbeiten.

 

2.       Der zweite Markstein war die Verknüpfung von Ökologie und Wirtschaft im Begriff der Nachhaltigkeit, die mir als Forstmann schon lange vertraut ist. Wir haben dadurch erreicht, dass man die Wirtschaft nicht als Momentaufgabe sehen darf, sondern auf ihr langfristiges Bestehen in Beziehung zu den natürlichen Grundlagen der Erde achten muss.

 

3.       Der dritte Markstein schließlich ist die Verknüpfung von Ökologie und Sozialem. Auch hier gilt es, das Bestehen der Sozialsysteme nicht nur für eine Wahlperiode, sondern langfristig zu sichern. Das versucht die Regierung gerade. Dass die erste Regierung Schroeder ihr opportunistisches Wahlversprechen, den demographischen Faktor in der Rentenberechnung zu streichen, verwirklichte, war dagegen ein schweres Vergehen gegen das Prinzip der Nachhaltigkeit.

 

Doch zwei riesige Aufgaben liegen noch vor uns.

 

Wir brauchen ein Wirtschaftmodell, das ohne Wachstum auskommt. Für diese Aufgabe müssen wir die besten Köpfe Deutschlands und der ganzen Welt gewinnen. Wenn es uns gelingt, ein solches Modell in Europa zu verwirklichen, besteht die Chance, dass auch Indien und China dieser Richtung folgen. Jetzt strebt die Oberschicht dort – wie auch hier - dem verantwortungslosen Lebensstil der US-Amerikaner nach und wir helfen mit unseren Autofabriken kräftig dabei. Dieser massiven Zunahme der Ansprüche ist die Biosphäre nicht gewachsen.

 

Vor die andere Aufgabe stellt uns der demographische Wandel. Unsere Gesellschaft wird älter, diesem Prozess müssen sich auch die Bündnisgrünen stellen. Wir haben deshalb im August die Organisation „Grüne Alte“ gegründet, denn keine Generation kann die Probleme allein lösen.

Die Grünen Alten treten für ein selbstverantwortliches und selbstbestimmtes Leben älterer Menschen ein. Wir möchten selber entscheiden, wie wir leben und nicht andere über unser Leben bestimmen lassen.

Unter neuer Altenpolitik verstehen wir die selbstbewusste Bejahung unseres Alters, das wir nicht verleugnen oder künstlich jung machen wollen. Wir wenden uns gegen jede Form der Altersdiskriminierung und fordern z. B. entsprechende Anteile in den Medien, um unsere Sicht der Politik und der Gesellschaft öffentlich zum Ausdruck zu bringen.

Ältere Menschen bejahen die Nachhaltigkeit, denn sie haben erfahren, dass nur eine solche Lebensweise Zukunft hat und ein erfülltes Leben bis zum Alter ermöglicht.

 

Noch eins, was wir ändern müssen. Kinder erscheinen in der politischen Debatte nur noch als Kostenfaktor, Armutsrisiko und Belastung. Das stimmt nicht. Kinder sind die Quelle unzähliger kleiner Freuden der Eltern und Großeltern. Selbst wenn sie den Erwachsenen schwierig erscheinen, zwingen sie uns zur geistigen Auseinandersetzung und erhalten uns so lebendig. Wenn ich heute mit 81 Jahren noch munter und engagiert vor Euch stehe, verdanke ich dies auch meinen acht Enkeln, mit denen ich zusammen oft wieder jung sein durfte. Eine Gesellschaft, die durch den Anspruch auf totale Flexibilität und Verfügbarkeit von Arbeitskräften so viele Familien hindert, Kinder zu haben, versagt erbärmlich und zerstört die Grundlage der eigenen Existenz.

 

Mein Schluss. Die Grünen Alten haben ihre Wurzeln nicht vergessen. Wir werden das auch bei der Partei nicht zulassen und im Bündnis mit der grünen Jugend sind beide stärker.