Masterplan Nr. III.

Einige Anmerkungen zu neuen Vorschlägen,

„die Stadt ans Wasser zu holen.“

 

Stadtplanung, so meine bescheidenen Erfahrungen nach mehreren Jahren als Mitglied im Planungsausschuss, besteht zum großen Teil aus grandiosen Visionen, die proportional im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Umsetzung stehen. Beispiele gefällig?

 

Ein Architekt, der einen Ausschreibungswettbewerb über die Neugestaltung der Schlossstraße gewinnen möchte, sollte kühne Turmbauten vorschlagen. Die werden zwar nie realisiert, lassen aber alle anderen Pläne der Konkurrenten geradezu als Pisselei erscheinen. Keine Frage, wer da das Rennen macht - oder?

 

Pläne über die Neugestaltung des Bahnhofs samt Abriss und Neugestaltung der Durchgangshalle einschließlich der Umgestaltung der Verkehrsführung in der Innenstadt, Masterplan Nr. I (ein großes schwarz-grünes Projekt, dem auch die SPD zustimmte) verschlingen Unsummen an Machbarkeitsstudien über den ÖPNV am Kaufhof, um dann vom OB aus Finanzgründen erst auf Eis gelegt und dann von der Verwaltung an den Gremien vorbei durch neue Vorschläge (Sperrung der Ruhrstraße) endgültig gekanzelt zu werden, diesmal vor den Augen der Mülheimer Geschäftswelt und natürlich mit deren voller Rückendeckung versteht sich - die, egal um welche Neuprojekte es sich auch immer handeln mag, schon aus Renditegründen so gut wie sicher ist.

 

In der Zwischenzeit wurde Masterplan Nr. II geboren mit Namen Innenstadt Nord, der nichts weniger als den Abriss des Tourainer Ringes und seine völlige Neugestaltung durch anspruchsvolle Architektur, neuem Alleenring mit Grünbestand und Fahrradwegen vorsah. Er galt sogar als mit Masterplan Nr. I kompatibel, wurde allgemein als kühne Vision belobigt und im Planungsausschuss bei einer Gegenstimme ohne Enthaltung abgesegnet. Inzwischen hat sich die Euphorie wieder verflüchtigt und das Vorhaben ist (parallel zum Metrorapid?) in der Versenkung verschwunden.

 

Nun also Masterplan Nr. III, diesmal wird als SPD-Wahlkampfschlager unter dem Fanfarenstoß „Ruhrbania“ die Ruhrseite von links oben nach rechts unten verlegt und damit „die Stadt ans Wasser geholt.“ Zwar hat das eine mit dem anderen sachlich nichts zu tun, aber wichtig ist am Begriff festzuhalten.

 

Nicht, dass man die Idee als solche schon unter Strafe stellen sollte. Man sollte nur, bevor die endgültigen Antworten gegeben werden, erst mal die richtigen Fragen stellen, z. B. die Verlagerung des Autoverkehrs in die nördliche dichtbewohnte Innenstadt, die Beerdigung von Masterplan Nr. I und die Folgen für die Verkehrsbeziehungen in der Innenstadt einschließlich der Parkmöglichkeiten. Und was den Zowislo-Vorschlag der Errichtung eines Hotelkomplexes auf dem Stadthallenparkplatz anbelangt, so gilt hier das Gleiche. In welcher Zaubertasche verschwinden die parkenden Autos von Müga-, Stadthallen- und VHS-Besuchern? Und ist eine massive Gebäudekulisse ausgerechnet in diesem Grünbereich Mülheims überhaupt wünschenswert? Vor allem was ist mit der längst geplanten Hotelerrichtung an der Delle bzw. Berliner Platz, also der zentralen Innenstadtlage?

 

Stattdessen wird in der Presse das Ende der Kakophonie erklärt. Doch gemach: Sie wird auf diese Art nur verlängert. Eins ist in Mülheim gewiss. Stadtplanung geht auch nach diesem ultimativen Vorschlag weiter. Wären alle „Masterpläne“ der Vergangenheit in die Tat umgesetzt worden so existierten heute weder Schloss Broich noch Stadthalle und Rathaus. Wie sagte der ehemalige serbische Trainer von Eintracht Frankfurt Dragoslav Stepanovic nach einem verlorenen Fußballspiel? „Lebbe muss weitergehen.“

 

Hubert Niehoff