Folgender Artikel von Brigitte Schumann wurde in der
taz köln & taz ruhr Nr. 79, 6. Dezember 2001, veröffentlicht
Hausaufgaben machen
Auch in NRW setzt die Bildungspolitik auf Selektion und Konkurrenz. Die
PISA-Studie bestätigt: So wird in Deutschland das Gesamtniveau gedrückt
von BRIGITTE SCHUMANN
"Eine hohe Bildungsbeteiligung aller Bevölkerungsschichten muss unser Ziel
bleiben", sagte NRW-Bildungsministerin Gabriele Behler diese Woche. Doch
ein Ziel muss auch verwirklicht werden. Die PISA-Studie ist die jüngste Warnung
an Behler und ihre KollegInnen aus den anderen Bundesländern. Alle
internationalen Schulleistungsvergleiche der vergangenen Jahre zeitigten
dasselbe nüchterne - um nicht zu sagen desillusionierende – Ergebnis über die
Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler.
PISA (Program for International Student Assessment) testete im Auftrag der OECD
das erweiterte Leseverständnis von 15-Jährigen. Darunter ist die Fähigkeit zu
verstehen, gedruckte und geschriebene Informationen zu nutzen, um sich in der
Gesellschaft zurecht zu finden, eigene Ziele zu erreichen und das eigene Wissen
und Potenzial weiter zu entwickeln. Deutschland landete im Gesamtergebnis auf
den hintersten Rängen. Die Gruppe der leistungsschwächeren und sozial
benachteiligten SchülerInnen hat ganz besonders schlecht abgeschnitten.
Die politischen Reaktionen auf das als katastrophal empfundene Ergebnis bei
TIMSS (Third International Mathematics and Science Studies) waren selbst
katastrophal: Die damalige Kampagne gegen die Gesamtschule, von konservativer
Seite angezettelt, war das übelste Beispiel für ideologisch motivierte
Schuldzuweisungen und für eigene politische Entlastung. Obwohl die integrierten
Gesamtschulen bundesweit nur etwa zehn Prozent des ansonsten gegliederten Schulwesens
ausmachen, wurden sie zur Hauptursache für das schlechte Abschneiden erklärt.
Aus TIMSS hätte man lernen können, dass es ohne Breitenförderung keine
Spitzenleistungen gibt. Doch die Kultus- und SchulministerInnen in den Ländern
haben den Weg der Auslese, der Ausgrenzung und der Konkurrenz gewählt. Die
Folgen sind bereits sichtbar. Allein in NRW wechselten im Schuljahr 2000/2001
4,6 Prozent von Gymnasium und Realschule zur Hauptschule. Im Jahr zuvor waren
es noch 3,8 Prozent. Die besonders in NRW politisch viel gerühmte
Durchlässigkeit ist faktisch gleichbedeutend mit einem Abstieg. Auf fünf
SchülerInnen, die in anspruchsvollere Bildungsgänge der Sekundarstufe I
wechseln, kommen 100 Absteiger. Die bundesweite Abiturientenquote stagniert auf
niedrigstem Niveau im Europa-Vergleich bei 27,8 Prozent.
Um einen Weg aus der Misere zu finden, müssen unbequeme Fragen erlaubt sein:
Wird zu wenig in präventive Maßnahmen im Elementar- und Grundschulbereich
investiert? Wird zu wenig gefördert und zu viel selektiert? Und fehlt den
schwächeren SchülerInnen die heterogene Lerngruppe als lernförderliche
Umgebung? Die deutsche Bildungspolitik hat das Homogenitätsprinzip zum
Leitgedanken gemacht. Im Gegensatz zu den erfolgreich abschneidenden Ländern
Europas werden die Leistungsschwächeren zu einem frühen Zeitpunkt aussortiert
und von den Leistungsstärkeren getrennt.
Die PISA-Ergebnisse sind unsere zweite Chance, bildungspolitisch zu begreifen,
dass der Rückgriff auf Verschärfung der Leistungsselektion für die Verbesserung
der Lernleistungen aller Kinder und Jugendlichen ebenso wenig taugt wie die
fortgesetzte hartnäckige Tabuisierung der Schulstrukturfrage durch die Politik.
Brigitte Schumann ist Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Schule und
Bildung der nordrhein-westfälischen Grünen.