Rede zur
Landesdelegiertenkonferenz am 10. Juli 2004 in Hagen
Von Dr.
Wilhelm Knabe, KV Mülheim an der Ruhr
Liebe Freundinnen und Freunde!
Herzlichen Dank für die Einladung zu Euch sprechen zu
dürfen. Ich begrüße alle, die bei der Gründung unserer Landespartei im Dezember
1979 in Hersel dabei waren. An fast jeden einzelnen von Euch kann ich mich noch
erinnern.
Ich grüße genau so herzlich alle, die in den 25 Jahren zu uns gestoßen sind, besonders die Jungen, die diese Gründungszeit nur vom Hörensagen kennen.
And I say a friendly welcome
to Magda Wosiewicz and Darek Szwed from the Green Party in Poland. I wish you
much success.
Ich möchte Euch Mut machen, Mut machen, weiter zu gehen den
Weg der Grünen für die Erhaltung des
Lebens auf der Erde oder der Schöpfung, wie die Christen sagen. Ich möchte
Euch Mut machen, die Aufgaben der
Zukunft anzupacken. Dabei hilft es, den Blick zurückzuwenden; denn nur wer
weiß, wo er oder sie herkommt, kann Richtung halten und wird das Ziel nicht
verfehlen. Vor Euch allen möchte ich diese Zeit wieder auferstehen lassen.
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Wie kamen wir zusammen?
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Wer waren die Gründer?
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Was waren die Motive?
Die Grünen in Nordrhein-Westfalen haben viele Wurzeln, doch sie alle haben etwas mit der Ignoranz und Trägheit der Parteien zu tun, die wir damals die Etablierten nannten. Viele Menschen waren vergeblich gegen die herrschenden Zustände angerannt und hatten sich manchmal im wörtlichen Sinne blutige Köpfe geholt,
Die Zeit war reif. Wir hatten es einfach satt. denn
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alle Parteien waren für den Bau von Atomkraftwerken
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alle Parteien waren für den massiven Ausbau des Straßen- und
Flugverkehrs
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alle glaubten an die Möglichkeit eines unbegrenzten
Wirtschaftswachstums und
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keine Partei tat etwas gegen die Zweckentfremdung von Wohnraum
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keine Partei dachte über die Legislaturperiode hinaus an die
Zukunft unserer Kinder.
Das Wort Umweltschutz
suchte man vergeblich in Lexika oder dem politischen Vokabular. Es kam meines
Wissens erst durch Präsident Carter auf die politische Agenda, den Rachel Carsons
Buch „Der stumme Frühling“ tief beeindruckt hatte. In Deutschland war dies Wort
unbekannt.
An wen sollten sich denn Bürgerinitiativen wenden, die sich gegen die Zerschneidung ihres Lebensraumes durch neue Straßen oder die Bedrohung durch ein neues Atomkraftwerk wehren wollten? Die Regierenden, ob CDU oder SPD, waren überhaupt nicht bereit auf die Bedenken der Bevölkerung einzugehen.
Als Beispiel möchte ich den Kampf gegen die Autobahn A 31,
den sogenannten Ostfriesenspieß durchs westliche Ruhrgebiet und das Bergische
Land nennen.
Überall längs der Trasse gründeten sich Bürgerinitiativen,
denn die Bürger hatten erkannt, daß sie selbst aktiv werden müßten. Dann
erreichte der Widerstand eine neue Qualität. Wir schafften es nach 1972, alle
Bürgerinitiativen von Bottrop bis Siegburg miteinander zu vernetzen, sammelten
100 000 Unterschriften gegen dieses Projekt und machten konstruktive Gegenvorschläge.
Trotzdem war das Land wild entschlossen, diese angeblich wichtigste Autobahn
des Landes zu bauen. Das einzige, was wir in einem persönlichen Gespräch mit Verkehrsminister
Riemer erreichten, war ein Aufschub des Baus durch die Zusage einer
Umweltverträglichkeitsprüfung, die allererste bei einem Autobahnprojekt.
Dann kamen 1978 beim
Verkehrskongreß der Bürgerinitiativen und Naturschützer in Troisdorf ganz verschiedene
Leute zusammen. Ich nenne als ein Beispiel die Aktion gegen Umweltzerstörung in
Essen. Viele kannten sich von den gemeinsamen Aktionen gerade gegen die Autobahn
A 31. So gab es ein gewisses Netzwerk von politisch interessierten Leuten. Als
dann der zündende Funke kam, man müßte eine Umweltpartei gründen, habe ich
gehorcht wo, wo, wo? Als ich die Meldung bekam „am x. Juni in Düsseldorf, in
den Bahnhofsgaststätten“, bin ich hingefahren, war einfach da und war mit bei
den Gründern der „Grünen Liste Umweltschutz (GLU)“ in NRW dabei. Das waren
vielleicht 15, 16 Leute damals. Die GLU hat dann ein Jahr existiert und wurde
zu einer der Keimzellen der Grünen.
Die Geburt dieser Partei war ein
komplizierter Prozeß. In NRW gab es die Grünen Listen, die GAZ von Herbert
Gruhl, die Freie Internationale Universität von Joseph Beuys, die AUD und die
Bunten Listen oder Alternativen, bei denen K-Gruppen mitarbeiteten und die
Linken das Sagen hatten. Letztere hatten sich bei der Europawahl 1979 noch
zurückgehalten und stiegen erst nach dem unerwarteten Erfolg der „Sonstigen
politischen Vereinigung DIE GRÜNEN“ von 3,2% dazu. So kam es zu heftigen Diskussionen.
Im Herbst hatten wir uns in Marl schließlich auf ein Kurzprogramm geeinigt, als
Edith Müller, damals bei der KPD, plötzlich neue Forderungen stellte. Das
reichte mir und wir brachen die Verhandlung ab. Erst nach Rücknahme dieses
Vorstoßes ging es dann sehr erfolgreich weiter.
Die Gründung der Grünen in
Nordrhein-Westfalen war von anderem Kaliber als die der GLU. Lukas Beckmann
hatte sie gut vorbereitet und eine große Halle in Hersel bei Bonn angemietet.
Von allen Initiativen, von allen grünen und bunten Gruppierungen, die es gab,
waren die Menschen gekommen und wollten zusammen etwas anreißen. Es gab ja
Rechte und Linke mit sehr unterschiedlichen Ansichten, was diese Partei machen
sollte.
In dem Augenblick, als einige
Leute aus der Halle ausziehen wollten und laut riefen, „da machen wir nicht
mit, das ist uns zu weit links“, bin ich zum Mikrofon, ich war als Sprecher der
GLU mit oben auf dem Podium, holte einen Zollstock heraus und hielt den quer
vor mich hin: „Seht her, das ist die „Links-Rechts-Elle“, damit wird jeder
gemessen, bist Du links, bist Du rechts oder bist Du in der Mitte?“
Dann habe ich den Zollstock
umgedreht und senkrecht hoch gehalten und gerufen: „Das ist unser Maßstab, der
ökologische Maßstab, oben ist ökologisch und unten ist unökologisch. Danach
wollen wir uns richten. Wenn wir das tun, dann können auch Rechte und Linke
zusammenarbeiten.“ Das überzeugte. Es zog niemand aus. Die Grünen in
Nordrhein-Westfalen sind dadurch eine sehr breit gefächerte Partei geworden mit
einer vielgestaltigen Basis, was immer wieder zu Schwierigkeiten führte, denn
links/rechts war leider nicht vergessen und nicht überwunden, sondern nur
zurückgestellt hinter den vier Säulen „Ökologisch, sozial, basisdemokratisch
und gewaltfrei“ der Offenbacher Erklärung.
Die ersten Jahre waren nicht
einfach. Alle Vorstandsmitglieder arbeiteten ehrenamtlich. Als Sprecher im
Landesverband erhielt ich 1979/80 gar nichts, als Bundessprecher von 1982 bis
84 ganze 100 DM Telefonpauschale im Monat. Alles andere mußte ich selbst
tragen. Und die Dienststelle war unerbittlich. Jede Stunde, die ich für die
Grünen unterwegs war – außer der vorgeschriebenen Woche Zusatzurlaub – mußte
vor- oder nachgearbeitet werden.
Hinzu kam die oft gnadenlose Härte, mit der sich die
verschiedenen Strömungen durchsetzen wollten. Schließlich sammelten sich damals
bei den Grünen sozusagen die Querköpfe der ganzen Nation, die glaubten, sie
allein hätten recht. Manche wie unser Bundesschatzmeister Hermann Schulz haben
diese harten internen Auseinandersetzungen, die es bei den Bürgerinitiativen
nicht gab, nicht ausgehalten und sind innerlich verbrannt, andere aus dem
Projekt wieder ausgestiegen. Ich grüße sie aus der Ferne, auch wenn sie nicht
zurückgekommen sind, denn sie haben geholfen, das Projekt über die ersten Klippen
zu steuern.
Hinzu kamen die äußeren Repressionen. Die Grüne Liste
Umweltschutz war ja keine Konkurrenz für eine der vorhandenen Parteien. Aber
als sich 1979 die ersten Wahlerfolge einstellten, als wir in der Europawahl 3,2
% erhielten und die Grünen bei den Kommunalwahlen im Trassengebiet der Autobahn
in einzelnen Stimmbezirken teilweise 10 % erreichten, wurden die Altparteien
hellwach.
Man sah die Republik in Gefahr und
schaltete den Verfassungsschutz ein, um die neue Partei zu beobachten. Am Tag
der Gründung der Bundespartei in Karlsruhe im Januar 1980 traf ich einen Herrn
auf dem Parkplatz der Stadthalle, der eifrig alle Autonummern der abgestellten
Wagen fotografierte. Als ich ihn ansprach, meinte er, er sammele Fotos von
Aufklebern, doch der Parkwächter grüßte ihn so ehrfurchtsvoll, daß das nicht
stimmen konnte, und siehe da, plötzlich behauptete er, zur Stadtverwaltung zu
gehören. Er müsse für die Planung von Parkplätzen die Herkunft der Besucher
ermitteln. Na, das war eine dämliche Ausrede.
Dazu meine Frage an die heutigen
Minister und Landtagsabgeordneten. Habt Ihr mal wie Renate Künast in Berlin beim Verfassungsschutz nachgefragt, was
in diesen Akten über die frühen Grünen steht? Das wüßte ich wirklich gerne.
Die Vorurteile wurden auch an
anderer Stelle deutlich. Beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten im Januar
1983 noch vor dem Einzug ins Parlament stellte mich der Präsident des
Bundesrechnungshofes u. a. dem Chef des Bundeskriminalamtes Rebmann als neu
gewählten Sprecher der Grünen vor. Daraufhin Herr Rebmann: „Ja, ja , ich weiß,
von außen grün, von innen rot.“ Und ging weiter. Als ich ihn dann noch mal
stellte, um dies zu korrigieren, meinte er nur: „Sie werden verstehen, daß ich
mich lieber mit konservativen Leuten unterhalte.“ Er wollte sich seine
Vorurteile nicht nehmen lassen, obwohl er doch als Beamter für alle Deutschen
da zu sein hatte.
Wer im öffentlichen Dienst oder
etwa in der Energiewirtschaft tätig war, hatte als Grüner nichts zu lachen.
Mobbing von oben haben viele erlebt. Da war ich nicht der einzige. Doch auch
einfache Menschen wurden durch manche Medien argwöhnisch gemacht. Am meisten
hat mich getroffen, daß am Turnabend nach meiner Wahl zum Bundessprecher im
November 1982, übrigens hier in dieser Stadthalle, mir ein Turnfreund nicht
mehr die Hand gab, weil er mich plötzlich für einen Staatsfeind oder so etwas
Ähnliches hielt. Das blieb nicht so. Später war er stolz auf mich.
Die Grünen haben also genau solche
Zeiten der Diffamierung wie Lesben und Schwulen durchgemacht, für die sich
eingesetzt hatten. Nur die öffentliche Abwehr der Verirrung der Grünen bei der
Landtagswahl 1985, sich gegen die Diskriminierung von Päderasten einzusetzen,
war völlig berechtigt. Sie hatte enorme Stimmenverluste der Grünen zur Folge.
In den 25 Jahren haben wir drei riesige Schritte gemacht.
Begonnen haben wir als außerparlamentarische
Opposition, die eine Tribüne im Parlament suchte, die Sprachrohr für die
Bürgerinitiativen sein wollte. Stolz nannte Petra Kelly die Grünen eine
Anti-Partei und mit einer gewissen, nicht immer berechtigten Verachtung
schauten wir auf die „etablierten Parteien“ herab, die uns das Leben schwer
machten.
Als Partei schafften wir dann den Einzug in Räte,
Landesparlamente und schließlich 1983 in den Deutschen Bundestag und 1984 ins
Europaparlament. Das war der 2. Schritt, die
Periode der parlamentarischen Opposition, die nicht nur kritisierte, sondern
eigene Gesetzesvorlagen einbrachte und konstruktiv den Haushalt beeinflussen
wollte, wobei man nicht nur Argumente, sondern auch Stimmen aus anderen
Fraktionen brauchte. Im Fall der Enquete-Kommission Vorsorge zum Schutz der
Erdatmosphäre ist uns das 1990 gelungen. Sie nahm 90 % der Grünen Vorschläge an
und brachte den Deutschen Bundestag und die Bundesregierung dazu, dem ehrgeizigen
Ziel von Ozonminimierung und CO2-Reduktion zuzustimmen. Ich bin so
froh, daß mein damaliger Mitarbeiter und Freund Reinhard Loske dieses Feld weiter
beackert.
1998 schließlich stellten die Bündnisgrünen 3 Bundesminister
und übernahmen so Regierungsverantwortung in Deutschland, was eine Änderung der
Perspektiven mit sich brachte, denn nun saßen wir auf der Regierungsbank.
Was haben wir seit der Gründung gelernt?
1.
Wir mußten erkennen, daß staatliches Handeln und Fürsorge
für sozial Schwächere nur bei einer funktionierenden Wirtschaft möglich ist. Die Wirtschaft wurde nicht mehr als Feind
gesehen, der nur die Umwelt zerstört oder die Schwachen ausbeutet, sondern als ein Gegenüber, um dessen
Kooperation im Umweltschutz und im Sozialbereich gerungen werden mußte, oft mit
der Drohung, andernfalls die Frage gesetzlich zu regeln..
2.
Wir haben das Gewaltmonopol
des Staates anerkannt, die Gewaltanwendung nach innen und außen jedoch nach
wie vor sehr kritisch gesehen. Wir haben unsere Grundüberzeugung, daß die
Anwendung militärischer Gewalt keine Probleme lösen kann, nicht aufgegeben und
sind doch wider Willen in den Krieg gegen Jugoslawien eingetreten, um den uns
suggerierten Völkermord an Kossovo-Albanern zu verhindern.
3.
Wir mußten erkennen, daß man Visionen in der Opposition leichter entwickeln und als Forderung
erheben kann als dies einer Regierungspartei möglich ist, die bei jedem Gesetz
und jeder Maßnahme die Kosten abschätzen und später aufbringen muß.
4.
Wir haben erkannt, daß eine schlagkräftige Partei, die Wähler gewinnen will, nicht im vielstimmigen
Chor voller Dissonanzen zur Öffentlichkeit sprechen kann, sondern daß sie sich
auf Prinzipien, Ziele und Vorgehensweisen einigen muß. Das erfordert
Selbstdisziplin vieler politischer Akteure und auch eine gewisse Stärkung
innerparteilicher Hierarchien, die aber nie vergessen sollte, der Basis zuzuhören.
Die Zeit der ehrenamtlichen Politiker auf Bundesebene ist vorbei, aber von
Berufspolitikern erwartet die grüne Basis mit Recht professionelle Politik. Daß
Gesetze zwischen SPD und CDU in disharmonischer Eintracht unter sich abgesprochen
werden, während die Grünen nur am Katzentisch sitzen und nachträglich
informiert werden, sollte nicht wieder
vorkommen. Die erwartet mehr Mut.
Dagegen war ich sehr angetan von der fairen und kompetenten
Art der Diskussion über die Bürgerversicherung in der Bundestagsfraktion, die
ich zur Vorbereitung dieser Rede vor 10 Tagen besuchte.
Ich sage ja, ja und nochmals ja.
Denn auf
die Grünen warten riesige Aufgaben.
Die heutigen Aufgaben sind globaler und komplexer als in
unserer Gründungszeit.
·
Wer soll denn sonst ein Wirtschaftsmodell entwickeln, das
ohne Wachstum auskommt?
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Wir brauchen ein Gesellschaftsmodell für die alternde Bevölkerung.
·
Wir brauchen einen Umbau des Bildungssystems
von den drei Phasen lernen in der Jugend – Anwendung des Gelernten als Erwachsene
und Untätigkeit im Alter oder als Arbeitsloser.
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Hin zu einem lebenslangen Lernen und gleichzeitiges Anwenden
des Gelernten.
Das jetzige System stellt eine Verschleuderung von
Volksvermögen dar, denn das Vermögen unzähliger Menschen zu denken und zu
handeln wird nicht genutzt. Wie viele Arbeitsplätze würden frei, wenn jeder
nach 7 Jahren ein Sabatjahr für die persönliche Weiterbildung erhielte?
Ich begrüße den Vorstoß der Jungen Grünen zur Bildungsreform
sehr, doch sie sollten den nicht gegen die oder an die Stelle der Umweltpolitik
stellen, sondern diese mit einbauen. Das kann man ganz einfach sagen:
·
Jeder
Mensch braucht das Öko-ABC so nötig wie das 1 x 1, denn
ohne Kenntnis der ökologischen Zusammenhänge werden Fehler mit tragischen
Folgen gemacht.
Die Natur kann man
nicht betrügen und nicht bestechen wie einen Politiker. Sie registriert jeden Verstoß gegen das
Grundgesetz des Zusammenlebens und der Nachhaltigkeit.
Jedes Gift, das wir produzieren, landet in der Atmosphäre,
im Boden oder im Meer und kommt eines Tages in unseren Lebenskreislauf zurück.
Jede Tonne Kohle, Erdöl oder Erdgas – dies im geringeren Maße – liefert zwar
Energie aber erhöht gleichzeitig den CO2-Gehalt der Atmosphäre und
beeinflußt so das künftige Klima.
Der
Einsatz für den Erhalt des Lebens und die Sicherung auch künftiger Generationen
muß oberstes Ziel grüner Politik bleiben. Dazu gehört auch die Atompolitik.
Wenn Frau Merkel heutzutage für die Neubelebung der
Atomwirtschaft eintritt, dann müssen wir ihr und allen Menschen im Lande diesen
einfachen Maßstab vorhalten. Ich nehme wieder meinen Zollstock. 1 cm bedeuten
1000 Jahre, dann sind wir im Jahr 2004 erst bei 2 cm angelangt. Und wir
brauchen den ganzen Maßstab von 2 Metern oder 200.000 Jahren, um den Zeitpunkt
zu erreichen, da von den gut 400 kg des hochgiftigen Plutoniums, das in einem
Jahr in jedem Kernreaktor von 1300 MW anfällt, nur noch knapp 1,4 kg übrig sind. Aber jedes Jahr kämen ja die
Abfalle aller Atomkraftwerke dazu. Wie viele Kriege gab es in den 2000 Jahren
bis heute? Und wie viele wird es in den restlichen 198 000 Jahren geben? Kann
da ein Mensch die Verantwortung für eine sichere Lagerung dieser zugleich
waffenfähigen Giftstoffe übernehmen?
Der Rückgang der Bevölkerungsdichte könnte bei gleichem
Lebensstandard eine Entlastung für die Natur und den Verbrauch an Ressourcen
bedeuten, doch der Übergang schafft enorme Probleme, weil weniger Berufstätige
für mehr Rentner und leider auch Arbeitslose aufkommen müssen. Die Grünen
stellen sich dieser Herausforderung. Dazu brauchen wir die Zusammenarbeit der
Generationen. Am 27. August soll ein Kongreß in Berlin diese Fragen behandeln
und gleichzeitig die Gründung der grünen Alten vorbereiten. Doch die
Gerechtigkeitsfrage muß viel umfassender gestellt werden.
Viele Menschen in den Industriestaaten haben sich weitgehend
mit dem Elend und der Armut in der Dritten Welt abgefunden, wenn es auch viel
persönliche Hilfsbereitschaft zur Linderung der ärgsten Nöte gibt. Auch
Deutschland bringt 2004 nur 0,28 % des Bruttoinlandsproduktes für
Entwicklungshilfe auf, prozentual ein Drittel weniger als die 0,4 % unter
Helmut Schmidt. Die aktuellen Kürzungen für alle Ministerien treffen in der
Entwicklungshilfe besonders Projekte von Kirchen und Nichtregierungsorganisationen.
Deshalb müssen wir Grünen dafür streiten, die Zielmarke von 0,33% unbedingt bis
2006 zu erreichen, denn die Welt ist heute ein großes System kommunizierender
Röhren, in dem es zwangsläufig zum Ausgleich unterschiedlicher Wasserstände
kommt. Gegen den Druck zum Ausgleich des Wohlstandsgefälles hilft keine nationale
Abschottung. Flüchtlinge, Bürgerkriege und Kriege erreichen auch die
abgeschotteten Regionen, ganz zu schweigen, welche Wirkungen die heute oft
menschenverachtenden Abwehrmaßnahmen an Grenzen und Küsten auf unsere Gesellschaft
haben.
Die Grünen hatten frühzeitig die Lehren des Club of Rome von
den Grenzen des Wachstums aufgenommen und verinnerlicht. Doch heute setzen
nicht nur die SPD-Genossen, sondern auch Grüne in der Regierung ihre Hoffnung
auf das Anspringen der Konjunktur, um die Haushaltsprobleme zu lösen. Da stimmt etwas nicht. Wir dürfen nicht
ruhen , sondern müssen die Wissenschaft ständig drängen, Modelle nachhaltigen
Wirtschaftens zu entwickeln, die auch anderen Regionen als Vorbild für die
eigene Entwicklung dienen können.
Zur Zeit sind die Milliarden Chinesen und Inder dabei, das
Wirtschaftsmodell des Westens mit der Dominanz des Automobils zu übernehmen,
denn ihre Führung ist auch mit deutscher Unterstützung voll der Faszination des
Autos erlegen. Das hat verheerende Folgen für den Energieverbrauch und das
globale Klima, mit der Zunahme von Wetterextremen, d.h. unberechenbarer Dürren,
Stürme und Überschwemmungen.
Der ehrgeizige Ausbau der alternativen Energien in
Deutschland ist eine gewaltige Leistung, sie muß jedoch ergänzt werden durch
eine radikale Senkung des Gesamtenergieverbrauchs.
Einige Grüne haben den Sinn der Gründung dieser Partei aus
den Augen verloren, Wir Gründer waren erfüllt von dem brennenden Wunsch, die
Erde für unsere Kinder zu retten.
Als Ökologe möchte ich sagen, wir sind ein Teil der
negativen Rückkoppelung, die das exponentielle Wachstum, das Ausufern der
menschlichen Ansprüche an den Planeten begrenzt.
Einiges haben wir erreicht. Dafür danke ich allen
Beteiligten, den Grünen an der Basis und denen in Führungspositionen, aber viel
mehr bleibt zu tun.
Wenn wir dabei Kompromisse schließen, müssen wir in jedem
Einzelfall prüfen, ob er uns einen Schritt näher an die formulierten Ziele
unserer Präambel
„Ökologisch – sozial – basisdemokratisch und gewaltfrei“
bringt.
Eine Gesundheitsreform, die allein zwischen Anbietern,
Kassen und Staat ausgehandelt wird, ist weit von der notwendigen
Basisdemokratie, d.h. hier der Teilhabe der Betroffenen an der Entscheidung entfernt.
Ich wiederhole:
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Wir haben die gigantische Aufgabe, ein Wirtschaftsmodell zu
entwerfen und zu verwirklichen, das ohne Wachstum auskommt.
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Und wir haben den Begriffen der sozialen Gerechtigkeit und
Generationengerechtigkeit in Deutschland den Begriff der globalen Gerechtigkeit
hinzuzufügen, Denn auf Dauer werden sich die unerhörten Gegensätze zwischen den
Regionen der Erde nicht aufrecht erhalten lassen.
Noch eins, wir verlassen uns als Regierungspartei oft zu
sehr auf Gesetze, Verordnungen und andere administrative Maßnahmen. Das reicht
nicht.
Wir dürfen nicht aufhören, am Bewußtseinswandel bei uns
selbst und anderen zu arbeiten und auch auf Volkes Stimme zu hören, d.h.
Freiräume , Strukturen zu schaffen, in denen sich die Gesellschaft selbst
organisieren kann. Deshalb ist die Unterstützung von Naturschutzverbänden,
Sportvereinen sowie sozialen und kulturellen Selbsthilfegruppen, wie dies
Bärbel Höhn und Michael Vesper und viele andere Grüne beispielhaft versuchen,
so wichtig. Denn glaubt mir, Demokratie bedeutet Wechsel und sowohl als
Regierungspartei als auch in der Opposition sind wir auf Menschen mit einem
geänderten Bewußtsein angewiesen.
Für diese
Aufgabe brauchen wir Kompetenz und Visionen.
Ich habe noch Visionen, zwei will ich nennen.
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Eine weltweite grüne
Bewegung, die die Politik nicht nur beeinflußt, sondern nachhaltig
bestimmt, in Deutschland, in Europa und auch in den USA und den vielen anderen
Ländern dieser Erde. Deshalb ist die Solidarität auch nach draußen so wichtig.
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Und ich habe die Vision, daß Eure Kinder sowie meine und
Eure Enkel nicht nur vorm Computer sitzen, sondern sich draußen bewegen und Natur direkt wie in den Waldschulen des
Landes erleben können.