25 Jahre Grüne NRW

Eine gelungene Erfolgsgeschichte

Rede zur Landesdelegiertenkonferenz am 10. Juli 2004 in Hagen

Von Dr. Wilhelm Knabe, KV Mülheim an der Ruhr

 

Liebe Freundinnen und Freunde!

 

Herzlichen Dank für die Einladung zu Euch sprechen zu dürfen. Ich begrüße alle, die bei der Gründung unserer Landespartei im Dezember 1979 in Hersel dabei waren. An fast jeden einzelnen von Euch kann ich mich noch erinnern.

 

Ich grüße genau so herzlich alle, die in den 25 Jahren zu uns gestoßen sind, besonders die Jungen, die diese Gründungszeit nur vom Hörensagen kennen.

 

And I say a friendly welcome to Magda Wosiewicz and Darek Szwed from the Green Party in Poland. I wish you much success.

 

Ich möchte Euch Mut machen, Mut machen, weiter zu gehen den Weg der Grünen für die Erhaltung des Lebens auf der Erde oder der Schöpfung, wie die Christen sagen. Ich möchte Euch Mut machen, die Aufgaben der Zukunft anzupacken. Dabei hilft es, den Blick zurückzuwenden; denn nur wer weiß, wo er oder sie herkommt, kann Richtung halten und wird das Ziel nicht verfehlen. Vor Euch allen möchte ich diese Zeit wieder auferstehen lassen.

 

Was waren das für Zeiten?

 

·         Wie kamen wir zusammen?

·         Wer waren die Gründer?

·         Was waren die Motive?

 

Die Grünen in Nordrhein-Westfalen haben viele Wurzeln, doch sie alle haben etwas mit der Ignoranz und Trägheit der Parteien zu tun, die wir damals die Etablierten nannten. Viele Menschen waren vergeblich gegen die herrschenden Zustände angerannt und hatten sich manchmal im wörtlichen Sinne blutige Köpfe geholt,

 

Die Zeit war reif. Wir hatten es einfach satt. denn

·         alle Parteien waren für den Bau von Atomkraftwerken

·         alle Parteien waren für den massiven Ausbau des Straßen- und Flugverkehrs

·         alle glaubten an die Möglichkeit eines unbegrenzten Wirtschaftswachstums und

·         keine Partei tat etwas gegen die Zweckentfremdung von Wohnraum

·         keine Partei dachte über die Legislaturperiode hinaus an die Zukunft unserer Kinder.

 

Das Wort Umweltschutz suchte man vergeblich in Lexika oder dem politischen Vokabular. Es kam meines Wissens erst durch Präsident Carter auf die politische Agenda, den Rachel Carsons Buch „Der stumme Frühling“ tief beeindruckt hatte. In Deutschland war dies Wort unbekannt.

 

An wen sollten sich denn Bürgerinitiativen wenden, die sich gegen die Zerschneidung ihres Lebensraumes durch neue Straßen oder die Bedrohung durch ein neues Atomkraftwerk wehren wollten? Die Regierenden, ob CDU oder SPD, waren überhaupt nicht bereit auf die Bedenken der Bevölkerung einzugehen.

 

Als Beispiel möchte ich den Kampf gegen die Autobahn A 31, den sogenannten Ostfriesenspieß durchs westliche Ruhrgebiet und das Bergische Land nennen.

 

Überall längs der Trasse gründeten sich Bürgerinitiativen, denn die Bürger hatten erkannt, daß sie selbst aktiv werden müßten. Dann erreichte der Widerstand eine neue Qualität. Wir schafften es nach 1972, alle Bürgerinitiativen von Bottrop bis Siegburg miteinander zu vernetzen, sammelten 100 000 Unterschriften gegen dieses Projekt und machten konstruktive Gegenvorschläge. Trotzdem war das Land wild entschlossen, diese angeblich wichtigste Autobahn des Landes zu bauen. Das einzige, was wir in einem persönlichen Gespräch mit Verkehrsminister Riemer erreichten, war ein Aufschub des Baus durch die Zusage einer Umweltverträglichkeitsprüfung, die allererste bei einem Autobahnprojekt.

 

Dann kamen 1978 beim Verkehrskongreß der Bürgerinitiativen und Naturschützer in Troisdorf ganz verschiedene Leute zusammen. Ich nenne als ein Beispiel die Aktion gegen Umweltzerstörung in Essen. Viele kannten sich von den gemeinsamen Aktionen gerade gegen die Autobahn A 31. So gab es ein gewisses Netzwerk von politisch interessierten Leuten. Als dann der zündende Funke kam, man müßte eine Umweltpartei gründen, habe ich gehorcht wo, wo, wo? Als ich die Meldung bekam „am x. Juni in Düsseldorf, in den Bahnhofsgaststätten“, bin ich hingefahren, war einfach da und war mit bei den Gründern der „Grünen Liste Umweltschutz (GLU)“ in NRW dabei. Das waren vielleicht 15, 16 Leute damals. Die GLU hat dann ein Jahr existiert und wurde zu einer der Keimzellen der Grünen.

 

Die Geburt dieser Partei war ein komplizierter Prozeß. In NRW gab es die Grünen Listen, die GAZ von Herbert Gruhl, die Freie Internationale Universität von Joseph Beuys, die AUD und die Bunten Listen oder Alternativen, bei denen K-Gruppen mitarbeiteten und die Linken das Sagen hatten. Letztere hatten sich bei der Europawahl 1979 noch zurückgehalten und stiegen erst nach dem unerwarteten Erfolg der „Sonstigen politischen Vereinigung DIE GRÜNEN“ von 3,2% dazu. So kam es zu heftigen Diskussionen. Im Herbst hatten wir uns in Marl schließlich auf ein Kurzprogramm geeinigt, als Edith Müller, damals bei der KPD, plötzlich neue Forderungen stellte. Das reichte mir und wir brachen die Verhandlung ab. Erst nach Rücknahme dieses Vorstoßes ging es dann sehr erfolgreich weiter.

Die Gründung der Grünen in NRW

 

Die Gründung der Grünen in Nordrhein-Westfalen war von anderem Kaliber als die der GLU. Lukas Beckmann hatte sie gut vorbereitet und eine große Halle in Hersel bei Bonn angemietet. Von allen Initiativen, von allen grünen und bunten Gruppierungen, die es gab, waren die Menschen gekommen und wollten zusammen etwas anreißen. Es gab ja Rechte und Linke mit sehr unterschiedlichen Ansichten, was diese Partei machen sollte.

 

In dem Augenblick, als einige Leute aus der Halle ausziehen wollten und laut riefen, „da machen wir nicht mit, das ist uns zu weit links“, bin ich zum Mikrofon, ich war als Sprecher der GLU mit oben auf dem Podium, holte einen Zollstock heraus und hielt den quer vor mich hin: „Seht her, das ist die „Links-Rechts-Elle“, damit wird jeder gemessen, bist Du links, bist Du rechts oder bist Du in der Mitte?“

 

Dann habe ich den Zollstock umgedreht und senkrecht hoch gehalten und gerufen: „Das ist unser Maßstab, der ökologische Maßstab, oben ist ökologisch und unten ist unökologisch. Danach wollen wir uns richten. Wenn wir das tun, dann können auch Rechte und Linke zusammenarbeiten.“ Das überzeugte. Es zog niemand aus. Die Grünen in Nordrhein-Westfalen sind dadurch eine sehr breit gefächerte Partei geworden mit einer vielgestaltigen Basis, was immer wieder zu Schwierigkeiten führte, denn links/rechts war leider nicht vergessen und nicht überwunden, sondern nur zurückgestellt hinter den vier Säulen „Ökologisch, sozial, basisdemokratisch und gewaltfrei“ der Offenbacher Erklärung.

 

Anfangsschwierigkeiten und Diskriminierung

 

Die ersten Jahre waren nicht einfach. Alle Vorstandsmitglieder arbeiteten ehrenamtlich. Als Sprecher im Landesverband erhielt ich 1979/80 gar nichts, als Bundessprecher von 1982 bis 84 ganze 100 DM Telefonpauschale im Monat. Alles andere mußte ich selbst tragen. Und die Dienststelle war unerbittlich. Jede Stunde, die ich für die Grünen unterwegs war – außer der vorgeschriebenen Woche Zusatzurlaub – mußte vor- oder nachgearbeitet werden.

 

Hinzu kam die oft gnadenlose Härte, mit der sich die verschiedenen Strömungen durchsetzen wollten. Schließlich sammelten sich damals bei den Grünen sozusagen die Querköpfe der ganzen Nation, die glaubten, sie allein hätten recht. Manche wie unser Bundesschatzmeister Hermann Schulz haben diese harten internen Auseinandersetzungen, die es bei den Bürgerinitiativen nicht gab, nicht ausgehalten und sind innerlich verbrannt, andere aus dem Projekt wieder ausgestiegen. Ich grüße sie aus der Ferne, auch wenn sie nicht zurückgekommen sind, denn sie haben geholfen, das Projekt über die ersten Klippen zu steuern.

 

Hinzu kamen die äußeren Repressionen. Die Grüne Liste Umweltschutz war ja keine Konkurrenz für eine der vorhandenen Parteien. Aber als sich 1979 die ersten Wahlerfolge einstellten, als wir in der Europawahl 3,2 % erhielten und die Grünen bei den Kommunalwahlen im Trassengebiet der Autobahn in einzelnen Stimmbezirken teilweise 10 % erreichten, wurden die Altparteien hellwach.

 

Man sah die Republik in Gefahr und schaltete den Verfassungsschutz ein, um die neue Partei zu beobachten. Am Tag der Gründung der Bundespartei in Karlsruhe im Januar 1980 traf ich einen Herrn auf dem Parkplatz der Stadthalle, der eifrig alle Autonummern der abgestellten Wagen fotografierte. Als ich ihn ansprach, meinte er, er sammele Fotos von Aufklebern, doch der Parkwächter grüßte ihn so ehrfurchtsvoll, daß das nicht stimmen konnte, und siehe da, plötzlich behauptete er, zur Stadtverwaltung zu gehören. Er müsse für die Planung von Parkplätzen die Herkunft der Besucher ermitteln. Na, das war eine dämliche Ausrede.

 

Dazu meine Frage an die heutigen Minister und Landtagsabgeordneten. Habt Ihr mal wie Renate Künast in Berlin beim Verfassungsschutz nachgefragt, was in diesen Akten über die frühen Grünen steht? Das wüßte ich wirklich gerne.

 

Die Vorurteile wurden auch an anderer Stelle deutlich. Beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten im Januar 1983 noch vor dem Einzug ins Parlament stellte mich der Präsident des Bundesrechnungshofes u. a. dem Chef des Bundeskriminalamtes Rebmann als neu gewählten Sprecher der Grünen vor. Daraufhin Herr Rebmann: „Ja, ja , ich weiß, von außen grün, von innen rot.“ Und ging weiter. Als ich ihn dann noch mal stellte, um dies zu korrigieren, meinte er nur: „Sie werden verstehen, daß ich mich lieber mit konservativen Leuten unterhalte.“ Er wollte sich seine Vorurteile nicht nehmen lassen, obwohl er doch als Beamter für alle Deutschen da zu sein hatte.

 

Wer im öffentlichen Dienst oder etwa in der Energiewirtschaft tätig war, hatte als Grüner nichts zu lachen. Mobbing von oben haben viele erlebt. Da war ich nicht der einzige. Doch auch einfache Menschen wurden durch manche Medien argwöhnisch gemacht. Am meisten hat mich getroffen, daß am Turnabend nach meiner Wahl zum Bundessprecher im November 1982, übrigens hier in dieser Stadthalle, mir ein Turnfreund nicht mehr die Hand gab, weil er mich plötzlich für einen Staatsfeind oder so etwas Ähnliches hielt. Das blieb nicht so. Später war er stolz auf mich.

 

Die Grünen haben also genau solche Zeiten der Diffamierung wie Lesben und Schwulen durchgemacht, für die sich eingesetzt hatten. Nur die öffentliche Abwehr der Verirrung der Grünen bei der Landtagswahl 1985, sich gegen die Diskriminierung von Päderasten einzusetzen, war völlig berechtigt. Sie hatte enorme Stimmenverluste der Grünen zur Folge.

 

Was hat sich geändert?

 

In den 25 Jahren haben wir drei riesige Schritte gemacht.

Begonnen haben wir als außerparlamentarische Opposition, die eine Tribüne im Parlament suchte, die Sprachrohr für die Bürgerinitiativen sein wollte. Stolz nannte Petra Kelly die Grünen eine Anti-Partei und mit einer gewissen, nicht immer berechtigten Verachtung schauten wir auf die „etablierten Parteien“ herab, die uns das Leben schwer machten.

 

Als Partei schafften wir dann den Einzug in Räte, Landesparlamente und schließlich 1983 in den Deutschen Bundestag und 1984 ins Europaparlament. Das war der 2. Schritt, die Periode der parlamentarischen Opposition, die nicht nur kritisierte, sondern eigene Gesetzesvorlagen einbrachte und konstruktiv den Haushalt beeinflussen wollte, wobei man nicht nur Argumente, sondern auch Stimmen aus anderen Fraktionen brauchte. Im Fall der Enquete-Kommission Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre ist uns das 1990 gelungen. Sie nahm 90 % der Grünen Vorschläge an und brachte den Deutschen Bundestag und die Bundesregierung dazu, dem ehrgeizigen Ziel von Ozonminimierung und CO2-Reduktion zuzustimmen. Ich bin so froh, daß mein damaliger Mitarbeiter und Freund Reinhard Loske dieses Feld weiter beackert.

1998 schließlich stellten die Bündnisgrünen 3 Bundesminister und übernahmen so Regierungsverantwortung in Deutschland, was eine Änderung der Perspektiven mit sich brachte, denn nun saßen wir auf der Regierungsbank.

 

Was haben wir gelernt?

Was haben wir seit der Gründung gelernt?

1.      Wir mußten erkennen, daß staatliches Handeln und Fürsorge für sozial Schwächere nur bei einer funktionierenden Wirtschaft möglich ist. Die Wirtschaft wurde nicht mehr als Feind gesehen, der nur die Umwelt zerstört oder die Schwachen ausbeutet, sondern als ein Gegenüber, um dessen Kooperation im Umweltschutz und im Sozialbereich gerungen werden mußte, oft mit der Drohung, andernfalls die Frage gesetzlich zu regeln..

 

2.      Wir haben das Gewaltmonopol des Staates anerkannt, die Gewaltanwendung nach innen und außen jedoch nach wie vor sehr kritisch gesehen. Wir haben unsere Grundüberzeugung, daß die Anwendung militärischer Gewalt keine Probleme lösen kann, nicht aufgegeben und sind doch wider Willen in den Krieg gegen Jugoslawien eingetreten, um den uns suggerierten Völkermord an Kossovo-Albanern zu verhindern.

 

3.      Wir mußten erkennen, daß man Visionen in der Opposition leichter entwickeln und als Forderung erheben kann als dies einer Regierungspartei möglich ist, die bei jedem Gesetz und jeder Maßnahme die Kosten abschätzen und später aufbringen muß.

 

4.      Wir haben erkannt, daß eine schlagkräftige Partei, die Wähler gewinnen will, nicht im vielstimmigen Chor voller Dissonanzen zur Öffentlichkeit sprechen kann, sondern daß sie sich auf Prinzipien, Ziele und Vorgehensweisen einigen muß. Das erfordert Selbstdisziplin vieler politischer Akteure und auch eine gewisse Stärkung innerparteilicher Hierarchien, die aber nie vergessen sollte, der Basis zuzuhören.

Die Zeit der ehrenamtlichen Politiker auf Bundesebene ist vorbei, aber von Berufspolitikern erwartet die grüne Basis mit Recht professionelle Politik. Daß Gesetze zwischen SPD und CDU in disharmonischer Eintracht unter sich abgesprochen werden, während die Grünen nur am Katzentisch sitzen und nachträglich informiert werden, sollte nicht wieder vorkommen. Die erwartet mehr Mut.

 

Dagegen war ich sehr angetan von der fairen und kompetenten Art der Diskussion über die Bürgerversicherung in der Bundestagsfraktion, die ich zur Vorbereitung dieser Rede vor 10 Tagen besuchte.

 

Werden die GRÜNEN heute noch gebraucht?

Ich sage ja, ja und nochmals ja.

 

Denn auf die Grünen warten riesige Aufgaben.

Die heutigen Aufgaben sind globaler und komplexer als in unserer Gründungszeit.

·         Wer soll denn sonst ein Wirtschaftsmodell entwickeln, das ohne Wachstum auskommt?

·         Wir brauchen ein Gesellschaftsmodell für die alternde Bevölkerung.

·         Wir brauchen einen Umbau des Bildungssystems
von den drei Phasen lernen in der Jugend – Anwendung des Gelernten als Erwachsene und Untätigkeit im Alter oder als Arbeitsloser.

·         Hin zu einem lebenslangen Lernen und gleichzeitiges Anwenden des Gelernten.

 

Das jetzige System stellt eine Verschleuderung von Volksvermögen dar, denn das Vermögen unzähliger Menschen zu denken und zu handeln wird nicht genutzt. Wie viele Arbeitsplätze würden frei, wenn jeder nach 7 Jahren ein Sabatjahr für die persönliche Weiterbildung erhielte?

 

Ich begrüße den Vorstoß der Jungen Grünen zur Bildungsreform sehr, doch sie sollten den nicht gegen die oder an die Stelle der Umweltpolitik stellen, sondern diese mit einbauen. Das kann man ganz einfach sagen:

·         Jeder Mensch braucht das Öko-ABC so nötig wie das 1 x 1, denn ohne Kenntnis der ökologischen Zusammenhänge werden Fehler mit tragischen Folgen gemacht.

 

Wie können wir das Leben und die biologische Vielfalt unseres Planeten dauerhaft sichern?

Die Natur kann man nicht betrügen und nicht bestechen wie einen Politiker. Sie registriert jeden Verstoß gegen das Grundgesetz des Zusammenlebens und der Nachhaltigkeit.

 

Jedes Gift, das wir produzieren, landet in der Atmosphäre, im Boden oder im Meer und kommt eines Tages in unseren Lebenskreislauf zurück. Jede Tonne Kohle, Erdöl oder Erdgas – dies im geringeren Maße – liefert zwar Energie aber erhöht gleichzeitig den CO2-Gehalt der Atmosphäre und beeinflußt so das künftige Klima.

 

Der Einsatz für den Erhalt des Lebens und die Sicherung auch künftiger Generationen muß oberstes Ziel grüner Politik bleiben. Dazu gehört auch die Atompolitik.

 

Wenn Frau Merkel heutzutage für die Neubelebung der Atomwirtschaft eintritt, dann müssen wir ihr und allen Menschen im Lande diesen einfachen Maßstab vorhalten. Ich nehme wieder meinen Zollstock. 1 cm bedeuten 1000 Jahre, dann sind wir im Jahr 2004 erst bei 2 cm angelangt. Und wir brauchen den ganzen Maßstab von 2 Metern oder 200.000 Jahren, um den Zeitpunkt zu erreichen, da von den gut 400 kg des hochgiftigen Plutoniums, das in einem Jahr in jedem Kernreaktor von 1300 MW anfällt, nur noch knapp 1,4 kg  übrig sind. Aber jedes Jahr kämen ja die Abfalle aller Atomkraftwerke dazu. Wie viele Kriege gab es in den 2000 Jahren bis heute? Und wie viele wird es in den restlichen 198 000 Jahren geben? Kann da ein Mensch die Verantwortung für eine sichere Lagerung dieser zugleich waffenfähigen Giftstoffe übernehmen?

 

Wie können wir Beschäftigung und Generationengerechtigkeit in einer alternden Gesellschaft herstellen?

 

Der Rückgang der Bevölkerungsdichte könnte bei gleichem Lebensstandard eine Entlastung für die Natur und den Verbrauch an Ressourcen bedeuten, doch der Übergang schafft enorme Probleme, weil weniger Berufstätige für mehr Rentner und leider auch Arbeitslose aufkommen müssen. Die Grünen stellen sich dieser Herausforderung. Dazu brauchen wir die Zusammenarbeit der Generationen. Am 27. August soll ein Kongreß in Berlin diese Fragen behandeln und gleichzeitig die Gründung der grünen Alten vorbereiten. Doch die Gerechtigkeitsfrage muß viel umfassender gestellt werden.

 

Was müssen wir tun, um der globalen Gerechtigkeit ein wenig näher zu kommen?

 

Viele Menschen in den Industriestaaten haben sich weitgehend mit dem Elend und der Armut in der Dritten Welt abgefunden, wenn es auch viel persönliche Hilfsbereitschaft zur Linderung der ärgsten Nöte gibt. Auch Deutschland bringt 2004 nur 0,28 % des Bruttoinlandsproduktes für Entwicklungshilfe auf, prozentual ein Drittel weniger als die 0,4 % unter Helmut Schmidt. Die aktuellen Kürzungen für alle Ministerien treffen in der Entwicklungshilfe besonders Projekte von Kirchen und Nichtregierungsorganisationen. Deshalb müssen wir Grünen dafür streiten, die Zielmarke von 0,33% unbedingt bis 2006 zu erreichen, denn die Welt ist heute ein großes System kommunizierender Röhren, in dem es zwangsläufig zum Ausgleich unterschiedlicher Wasserstände kommt. Gegen den Druck zum Ausgleich des Wohlstandsgefälles hilft keine nationale Abschottung. Flüchtlinge, Bürgerkriege und Kriege erreichen auch die abgeschotteten Regionen, ganz zu schweigen, welche Wirkungen die heute oft menschenverachtenden Abwehrmaßnahmen an Grenzen und Küsten auf unsere Gesellschaft haben.

 

Wie können wir ein Wirtschaftssystem entwickeln, das ohne quantitatives Wachstum auskommt?

 

Die Grünen hatten frühzeitig die Lehren des Club of Rome von den Grenzen des Wachstums aufgenommen und verinnerlicht. Doch heute setzen nicht nur die SPD-Genossen, sondern auch Grüne in der Regierung ihre Hoffnung auf das Anspringen der Konjunktur, um die Haushaltsprobleme zu lösen. Da stimmt etwas nicht. Wir dürfen nicht ruhen , sondern müssen die Wissenschaft ständig drängen, Modelle nachhaltigen Wirtschaftens zu entwickeln, die auch anderen Regionen als Vorbild für die eigene Entwicklung dienen können.

 

Zur Zeit sind die Milliarden Chinesen und Inder dabei, das Wirtschaftsmodell des Westens mit der Dominanz des Automobils zu übernehmen, denn ihre Führung ist auch mit deutscher Unterstützung voll der Faszination des Autos erlegen. Das hat verheerende Folgen für den Energieverbrauch und das globale Klima, mit der Zunahme von Wetterextremen, d.h. unberechenbarer Dürren, Stürme und Überschwemmungen.

 

Der ehrgeizige Ausbau der alternativen Energien in Deutschland ist eine gewaltige Leistung, sie muß jedoch ergänzt werden durch eine radikale Senkung des Gesamtenergieverbrauchs.

 

Was dürfen wir nie aufgeben?

Einige Grüne haben den Sinn der Gründung dieser Partei aus den Augen verloren, Wir Gründer waren erfüllt von dem brennenden Wunsch, die Erde für unsere Kinder zu retten.

Als Ökologe möchte ich sagen, wir sind ein Teil der negativen Rückkoppelung, die das exponentielle Wachstum, das Ausufern der menschlichen Ansprüche an den Planeten begrenzt.

 

Einiges haben wir erreicht. Dafür danke ich allen Beteiligten, den Grünen an der Basis und denen in Führungspositionen, aber viel mehr bleibt zu tun.

Wenn wir dabei Kompromisse schließen, müssen wir in jedem Einzelfall prüfen, ob er uns einen Schritt näher an die formulierten Ziele unserer Präambel

„Ökologisch – sozial – basisdemokratisch und gewaltfrei“ bringt.

 

Eine Gesundheitsreform, die allein zwischen Anbietern, Kassen und Staat ausgehandelt wird, ist weit von der notwendigen Basisdemokratie, d.h. hier der Teilhabe der Betroffenen an der Entscheidung entfernt.

 

Ich wiederhole:

·         Wir haben die gigantische Aufgabe, ein Wirtschaftsmodell zu entwerfen und zu verwirklichen, das ohne Wachstum auskommt.

 

·         Und wir haben den Begriffen der sozialen Gerechtigkeit und Generationengerechtigkeit in Deutschland den Begriff der globalen Gerechtigkeit hinzuzufügen, Denn auf Dauer werden sich die unerhörten Gegensätze zwischen den Regionen der Erde nicht aufrecht erhalten lassen.

 

Noch eins, wir verlassen uns als Regierungspartei oft zu sehr auf Gesetze, Verordnungen und andere administrative Maßnahmen. Das reicht nicht.

 

Wir dürfen nicht aufhören, am Bewußtseinswandel bei uns selbst und anderen zu arbeiten und auch auf Volkes Stimme zu hören, d.h. Freiräume , Strukturen zu schaffen, in denen sich die Gesellschaft selbst organisieren kann. Deshalb ist die Unterstützung von Naturschutzverbänden, Sportvereinen sowie sozialen und kulturellen Selbsthilfegruppen, wie dies Bärbel Höhn und Michael Vesper und viele andere Grüne beispielhaft versuchen, so wichtig. Denn glaubt mir, Demokratie bedeutet Wechsel und sowohl als Regierungspartei als auch in der Opposition sind wir auf Menschen mit einem geänderten Bewußtsein angewiesen.

 

Für diese Aufgabe brauchen wir Kompetenz und Visionen.

 

Ich habe noch Visionen, zwei will ich nennen.

·         Eine weltweite grüne Bewegung, die die Politik nicht nur beeinflußt, sondern nachhaltig bestimmt, in Deutschland, in Europa und auch in den USA und den vielen anderen Ländern dieser Erde. Deshalb ist die Solidarität auch nach draußen so wichtig.

·         Und ich habe die Vision, daß Eure Kinder sowie meine und Eure Enkel nicht nur vorm Computer sitzen, sondern sich draußen bewegen und Natur direkt wie in den Waldschulen des Landes erleben können.