Rede von Dr. Wilhelm Knabe auf der Feier des KV am 17. Juli 2004
Liebe Freundinnen und Freunde!
Liebe Gäste!
Ich begrüße alle, die bei der
Gründung der Mülheimer Grünen im August 1979 dabei waren. An fast jeden einzelnen
von Euch kann ich mich noch erinnern.
Ich grüße genau so herzlich alle,
die in den 25 Jahren zu uns gestoßen sind, besonders die Jungen, die diese
Gründungszeit nur vom Hörensagen kennen.
Und ich begrüße die Vertreter der
Presse und alle Gäste, die unserer Einladung gefolgt sind, um zu erfahren, was
aus den Grünen geworden ist.
Vor
Euch allen möchte ich diese Zeit wieder auferstehen lassen; denn nur wer weiß,
wo er oder sie herkommt, kann Richtung halten und wird das Ziel nicht
verfehlen.
Heute möchte ich Euch berichten
von einer der spannendsten Perioden meines Lebens. Blenden wir 25 Jahre zurück.
Mülheim an der Ruhr war fest in den Händen der SPD, die alle Schaltstellen der
Macht und fast alle in der Wirtschaft mit Sympathisanten besetzt hatte und eine
Partei, die gut 30 Jahre an der Macht ist, verlernt es, auf die Menschen zu hören
und deren Willen zu respektieren. Der Fortschrittswahn, der glaubte, durch noch
mehr Straßen die wirtschaftliche Lage zu verbessern, beherrschte die
Entscheidungsträger, doch vielen Menschen genügte das nicht. Sie wollten etwas
ändern und kamen schließlich zur Gründung der „Alternative – die Mülheimer
Grünen“ in der Zunftmeisterschule zusammen. Was war vorausgegangen?
Die Thesen des Club of Rome von
den Grenzen des Wachstums waren veröffentlicht. Doch nur wenige hatten sie
aufgegriffen und wollten gegensteuern. Zu ihnen gehörte in Mülheim Dr. Wolf
Jürgen Richter, der zusammen mit mir in der Volkshochschule einen Arbeitskreis
Mensch und Umwelt gründete. VHS-Direktor Norbert Greger unterstützte dies
solange wir in der Theorie verblieben. Doch als wir uns dem aktuellen Projekt
der Autobahn A 31 widmeten und der Aktionsgemeinschaft wissenschaftlichen
Beistand leisteten, wurden wir unbequem und man entzog uns die Räume.
Der zweite Kristallisationspunkt
kritischer Bürger in der Kommunalpolitik war die lokale Alternativzeitung
„Freie Presse“. Diese hatte 1977 begonnen die Kommunalpolitik kritisch zu
durchleuten und das zu schreiben, was die jungen Autoren in der offiziellen
Presse vermißten. Sie wollten sich von der „Hofberichterstattung“ der großen Zeitungen
abheben. Wenn die jugendlichen Redakteure manchmal über das Ziel hinausschossen,
brachten sie doch Leben in die öffentliche Diskussion, so daß die Mitarbeiter
des Rathauses nach Erscheinen verstohlen zum Kiosk gingen, um zu sehen, wer
denn diesmal dran sei. Die Fehlplanungen der Stadt an der
Friedrich-Ebert-Straße, die Bedrohung der Siedlungen in der Mausegatt und
Heimaterde, die Ablehnung der „autogerechten Stadt“ von Dezernent Bösel und der
Kampf gegen die Autobahn A 31 sowie gegen Atomkraftwerke wurden in den ersten
Nummern thematisiert. Wir dürfen nicht vergessen, daß genau in dieser Zeit
Helmut Schmidt den in der SPD auch vorhandenen Widerstand gegen Nutzung der Atomenergie
neutralisiert hatte.
Viel mehr Menschen waren direkt in
der Aktionsgemeinschaft A 113, später A 31 engagiert. Diese Autobahn sollte von
Bottrop kommend die Grünflächen am östlichen Rande Mülheims und den Kern von
Heißen von Nord nach Süd durchschneiden und über Haarzopf, Wuppertal, Solingen
bis nach Siegburg parallel zur A 3 laufen. Die Folgen für Mülheim wären fatal
gewesen. Hexbachtal, Heißen und Riemelsbeck hätten schwer gelitten und der
Durchgangsverkehr hätte stark zugenommen. Dagegen wollten sich die Bürger
wehren und gründeten die erste regionale Bürgerinitiative in
Nordrhein-Westfalen.
Überall
längs der Trasse hatten sich Bürgerinitiativen gebildet, denn die Bürger hatten
erkannt, daß sie selbst aktiv werden müßten. Der Widerstand erreichte eine neue
Qualität. Wir schafften es nach 1972, alle Bürgerinitiativen von Bottrop bis
Siegburg miteinander zu vernetzen, sammelten 100 000 Unterschriften gegen
dieses Projekt und machten konstruktive Gegenvorschläge.
Trotzdem
war das Land wild entschlossen, diese angeblich wichtigste Autobahn des Landes
zu bauen. Das einzige, was wir in einem persönlichen Gespräch mit Verkehrsminister
Riemer erreichten, war ein Aufschub des Baus durch die Zusage einer
Umweltverträglichkeitsprüfung, die allererste bei einem Autobahnprojekt.
Im Juni 1978 hatte sich mit der
Grünen Liste Umweltschutz (GLU) die erste Umweltpartei in Nordrhein-Westfalen
gegründet. Norbert Mann und Wilhelm Knabe waren Gründungsmitglieder und
natürlich an einem Standbein in Mülheim interessiert. Doch es war klar, daß
dies ein breiteres Bündnis sein müßte, das auch über den Rahmen der im Mai 1979
zur Europawahl angetretenen SPV Die Grünen hinausging.
So kamen weitere sozialpolitisch
engagierte kritische Menschen hinzu, die von der SPD enttäuscht waren und in
der DKP keine Perspektive sahen. Sie verstanden sich als Alternative zu den herrschenden Parteien und setzten dieses Wort im
Namen der zu gründenden Partei durch. Das Wort „grün“ war ihnen zu eng.
Nicht vergessen dürfen wir den
Grünen Laden in der Hansastraße, den Werner Helmich für erste Beratungen zu
Verfügung gestellt hatte. Dort gingen an gesunder Ernährung interessierte
Menschen ein und aus.
Am 19. Juli und am 11. August 1979
trafen sich all die Initiativen und Einzelmenschen in der Zunftmeisterschule.,
um einen Vorstand zu wählen, Programm und Satzung zu verabschieden und schließlich
die Kandidaten zu wählen, denn dies war Voraussetzung für ein Antreten bei der
Kommunalwahl. Spitzenkandidat der Wählergemeinschaft war Lothar Reinhard, der
nach der Wahl jedoch erklärte, daß das Wahlbündnis tot sei und jede Initiative
wieder eigenständig handeln könne. Denn die Wählergemeinschaft „Alternative – Die Mülheimer Grünen“
hatte zwar 4,7 % erreicht, war aber nicht in den Rat gekommen. So verschob sich
das Gewicht auf die Vorbereitung der Landtags- und Bundestagswahlen 1980, zu
denen nur eine Partei antreten konnte. Aus der Alternative wurde der Kreisverband Mülheim der Partei DieGrünen.
Hatte
die Presse die Aktivitäten der Aktionsgemeinschaft 31 gegen den Bau der gleichnamigen
Autobahn noch mit Wohlwollen begleitet oder mindestens erwähnt, änderte sich
dies nach Gründung der „Alternative – die Mülheimer Grünen“, der man eine
kommunistische Unterwanderung unterstellte und die man mit der kritischen
Bürgerzeitung „Die Freie Presse“ gleichsetzte, die gegen die Alleinherrschaft
der SPD und das Meinungsmonopol der WAZ angerannt war. So ist die Gründungszeit
der Grünen vor allem in der Freien Presse dokumentiert.
Bezeichnend für das damalige Klima ist die Podiumsdiskussion „Journalisten fragen – Politiker antworten“ am 25.9.1980
vor den Bundestagswahlen in der Volkshochschule Mülheim. Volkshochschuldirektor
Greger hatte nur SPD, CDU und FDP als Diskutanten und die WAZ und NRZ (?)
geladen. Den weiteren Verlauf beschreibt die Freie Presse wie folgt:
„Doch
waren da noch ein paar Grüne unter dem Publikum und sie meinten, ihr Anteil von
4,7 % bei den letzten Kommunalwahlen sei ausreichend, um auch mal zu ihrer
Position gefragt zu werden. Also ging der Kandidat Wilhelm Knabe zu eben jener
erlauchten Runde und fragte höflich an, ob die Herrschaften etwas dagegen
hätten, wenn er sich dazugesellen würde. Sein mutiges Unterfangen endete jedoch
mit einer Pleite.
Direktor
Greger – Veranstalter, Direktor, Moderator und SPD-Parteigenosse in einer Person
– stellte sich ihm mutig in den Weg und wies ihn mit barscher Geste wieder auf
seinen Platz im Publikum. Dem guten Wilhelm Knabe muß bei dieser Art Umgangsform
der Kragen geplatzt sein. Jedenfalls suchte er sein Beisein in jenem Kreise
dadurch zu erzwingen, daß er sich einfach auf einen Podiumsstuhl setzte. Doch
hatte er dabei die Rechnung ohne den Herrn Direktor Greger gemacht. Denn dieser
versuchte ihm den Stuhl buchstäblich unter dem Hintern wegzuziehen. Und alles
vor den Augen des Publikums. Mein Gott, wie peinlich! So gab denn Wilhelm Knabe
auch auf. Und das Politpossenspiel konnte außer einigen Zwischenrufen „Grüner
Störer“ reibungslos über die Bühne gehen.“
Nach
Urteil der Freien Presse hätte der damalige SPD-Kandidat Thomas Schröer mit einem
Wort die Situation entschärfen können, indem er sein Interesse an einer politischen
Diskussion auch mit den Grünen geäußert hätte.
Der
Gegenwind in den Medien hatte Folgen. Bei der Landtagswahl erreichten die
Grünen in NRW immerhin noch 3,0 %?, bei der Bundestagswahl nur noch 1,5 % und
schienen in die Bedeutungslosigkeit abzusinken.
Zum
Glück war das nicht so. Der Widerstand der Atomkraftgegner gegen neue AKW, die
breite Ablehnung der auch von der CDU unterstützten Nachrüstungspolitik von
Bundeskanzler Helmut Schmidt wirkte sich auf die nächsten Wahlen aus, so daß
die Grünen 1983 in den Bundestag, 1984 in das Europaparlament und den Rat der
Stadt sowie 1985 mit genau 5,0 % in den Landtag einzogen. Die Mitarbeit in den
Parlamenten schaffte die notwendige Beachtung für grüne Argumente und
Vorschläge, so daß ihre Wahlerfolge zunahmen und sie 1994 zusammen mit der CDU
die jahrzehntelange Alleinherrschaft der SPD in Mülheim beenden konnten. In
dieser Periode wurden mit dem Ringlokschuppen, dem autonomen Jugendzentrum
jahrzehntelange Träume von Jugendlichen verwirklicht. Die Stärkung kommunaler Daseinsvorsorge
durch Gründung von Eigenbetrieben wurde leider in der folgenden Wahlperiode abgebrochen
und mit der Privatisierung von Teilbereichen ins Gegenteil verkehrt. Hier
wirkte der Wirtschaftsflügel von SPD und CDU zusammen, was die Grünen vorher
verhindert hatten.
Soviel
zur Geschichte der Gründung. Doch ist diese nicht zu verstehen ohne die
Triebkräfte und Vorstellungen der Aktiven zu beschreiben. Wir waren erfüllt von
einem unbändigen Willen etwas zu ändern, einerseits die größenwahnsinnige
Bauwut der Stadt zu bremsen, die Kostbarkeiten der Mülheimer Landschaft und der
wenigen historischen Gebäude zu erhaltenen, andererseits soziale Brennpunkte zu
entschärfen, für Jugendliche und Flüchtlinge geeignete Räume zu finden. Es ist
schon vergessen, daß in der Zeit der schwarz-grünen Zusammenarbeit die
unwürdige Unterbringung von Flüchtlingen in Containern durch Umzug in normale
Wohnungen beendet wurde.
Als
Mitbegründer der Mülheimer Grünen und ihr Ehrenvorsitzender möchte ich all
denen danken, die geholfen haben, unsere Partei ins Leben zu rufen und lebendig
zu erhalten. Viele Menschen haben in den Bezirksvertretungen, im Rat, in der Geschäftsstelle
und immer unbezahlt im Vorstand dabei geholfen. Alle Mülheimer schulden ihnen
Dank, denn die Grünen haben das politische Bild unserer Stadt verändert und
immer wieder abweichende Ideen und Vorschläge in die Diskussion gebracht, was
beim Naturbad in Styrum zum Erfolg geführt hat und bei Ruhrbania die Stadt
hoffentlich vor erneutem Größenwahnsinn bewahrt.
So
möchte ich Euch Mut machen, Mut machen, weiter zu gehen den Weg der Grünen für die Erhaltung des Lebens auf der Erde
oder der Schöpfung, wie die Christen sagen. Ich möchte Euch Mut machen, die Aufgaben der Zukunft anzupacken. Und an
unsere Gäste richte ich die herzliche Einladung, bei den Bündnisgrünen mitzumachen,
einfach zu den Arbeitskreisen dazu zu stoßen oder heute in die Partei
einzutreten. Wir brauchen viele Menschen, um die vor uns liegenden Aufgaben zu
meistern.