Von
Jens Genser, Mülheim, 13.3.2005
Die
Ziele der Ruhrpromenade: Attraktivere Innenstadt, neue Arbeitsplätze, neue Bürgerinnen
und Bürger sowie mehr Gäste sind richtig. Zur Erreichung dieser Ziele, darf die
Stadt auch etwas riskieren. Das Risiko muss aber kalkulierbar bleiben.
Das
Fehlen eines schlüssigen Nutzungskonzeptes, die zwangsläufig hohen Mietpreise
für Neubauflächen, die schon reichlich vorhanden leeren Gewerbe- und Wohnflächen,
die große Geschossfläche und die hohen Kosten lassen einen Erfolg des Projektes
als fraglich erscheinen.
Nach
Meinung des Autors ist die Ruhrpromenade unbedingt zu verhindern, solange nicht
neue Tatbestände auftauchen, die das Risiko kalkulierbarer erscheinen lassen.
Sich
eine Meinung über die Ruhrpromenade, dem Kernprojekt von Ruhrbania, zu bilden
ist schwierig. Es gibt viele Argumente dafür und dagegen. Das Ziel: mehr Arbeitsplätze,
neue Bürgerinnen und Bürger und eine attraktivere Innenstadt ist ohne Frage
erstrebenswert, fraglich ist jedoch, ob diese Ziele mit angemessenen Mitteln
erreicht werden können.
Verkompliziert
wird die Meinungsbildung noch durch eine unvollständige Informationspolitik der
Stadt und des „Schnürens eines Gesamtpakets“ Ruhrpromenade. Mit Gesamtpaket ist
gemeint, dass nicht über die Vielzahl der Teilprojekte der Ruhrpromenade
diskutiert werden kann, da die Planungen der Stadt vorsehen mit den Verkehrsknotenpunkten
und Änderung der Verkehrsführung zu beginnen. Diese machen jedoch nur Sinn,
wenn die gesamte Baumaßnahme Ruhrpromenade zu Ende gebracht wird. Ein
Befürworten z. B. der Änderung der Kaufhofumfahrung und eine Ablehnung des
Bebauungsplans ist nicht mehr möglich.
Um
es noch komplizierter zu machen, bleibt nicht viel Zeit für die
Meinungsbildung, da die Stadt so schnell wie möglich mit den Baumaßnahmen
beginnen will. Schließlich sollen die größten Baustellen /
Verkehrsbehinderungen bis zur nächsten Kommunalwahl verschwunden sein. Es
müssen daher die Argumente für oder gegen die Ruhrpromenade mit der bestehenden
Informationslage[1] überprüft
werden. Die Argumente sind:
Die
Frage der Kosten ist angesichts des potentiellen Nutzens vielleicht nicht die
Wichtigste. Das „Argument“ das keine zusätzliche Belastungen für den Mülheimer
Haushalt entstehen, war aber eines der ersten und entscheidenden für den
Beginn. Ohne dieses „erste“ Argument, hätten die Planungen für dieses Projekt eigentlich
nicht beginnen dürfen, da 3 Fragen vorher hätten beantwortet werden müssen:
1.
Wäre nicht Sparen sinnvoller?
2.
Wie wahrscheinlich ist es, dass der versprochene Nutzen eintritt?
3.
Gibt es nicht bessere Möglichkeiten diese Mittel einzusetzen z. B. für die
weitere Sanierung städtischer Gebäude und Straßen?!
Eine
Diskussion dieser Fragen hätte voraussichtlich zu keinem Ergebnis geführt. Das
Projekt Ruhrpromenade wäre auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben worden. Die
Behauptung genau dieses Projekt „kostet nichts“, da die Kosten mit dem Erlös
der Grundstücksverkäufe gedeckt werden, ist daher elegant. Jegliche Diskussion
der genannten Punkte wird vermieden, Mehrkosten die nach Projektbeginn
entstehen, müssen toleriert werden, sonst ist das ganze investierte Geld weg.
Laut
dem Haushaltskonzept von 2005 belaufen sich die Gesamtkosten bis 2009 auf
43,5Mio. Euro. Die Kosten für die Mülheimer Bürger und Bürgerinnen belaufen
sich dabei auf 20,6 Mio. Euro. Ab 2008 sollen davon 10,4 Mio. Euro durch
Grundstückserlöse an die Mülheimer zurückfließen.
Das
heißt Kosten für die Mülheimer werden heute schon mit über 10 Millionen Euro
veranschlagt, das ist eine Kostensteigerung von 0 auf 10 Millionen Euro noch
bevor der erste Spatenstich gemacht wurde.
Die wahren Kosten für die Bürgerinnen und Bürger der
Ruhrpromenade sind noch höher, da dieses Projekt in der Stadtverwaltung große
(Personal) Ressourcen benötigt, die nicht an anderer Stelle eingesetzt werden
können.
Ein
Bruch des Versprechens der „Kostenneutralität“, schon zu Beginn des Projektes,
ist ein eindeutiges Indiz gegen die Ruhrpromenade, da es großen Zweifel
an dem Erfolg des Projektes aufkommen lässt. Denn entweder haben die
Verantwortlichen schlecht geplant oder es wurde wider gegen besseres Wissen die
Unwahrheit gesagt. Beide Möglichkeiten lassen auf eine unsaubere Planung und
Ausführung schließen, was für eine Erreichung der Ziele hinderlich sein wird.
In
den FAQs auf der Ruhrbania Webseite wird die Frage: „Das zahlt sich doch nie
aus?“ auf folgende Art beantwortet:
„Als
Mitte der 80er Jahre die ersten Pläne zur MüGa 1992 geschmiedet wurden, war
klar: Entstehen sollte keine „Blümchenschau“, sondern ein städtebaulicher
„Rundumschlag“ mit Gesamtkosten von über 100 Mio. DM – ein gewaltiges
Infrastrukturprojekt von Styrum bis Saarn. Es gab massive Widerstände: „Viel zu
teuer“, war das Hauptargument, das längst kein Thema mehr ist: Dass sich dieser
Kraftakt gelohnt hat, streitet heute keiner ab! Ruhrbania ist die konsequente
Fortführung der MüGa auf der anderen Ruhrseite, die Vervollständigung des
Ensembles und dessen Ergänzung, den Anforderungen unserer Zeit entsprechend.“
Das
die „Müga Parkanlagen“ eine Bereicherung für Mülheim sind, steht außer Frage.
Leider aber auch, dass die Müga bis heute ihre Spuren im Haushalt der Stadt
hinterlassen hat[2]. Und dass in
dem Gesamtpaket „Müga“ auch mit unsinnigen Teilprojekten Geld verschwendet
worden ist, z.B. durch den Kauf der NVA Schnellboote, die Rotunde (Anbau) der
Stadthalle oder die Hellwegkanzel.
Die
Müga als eine gelungene Projektumsetzung der Stadt anzupreisen, taugt daher nur
bedingt.
Mit
das stärkste Argument für die Ruhrpromenade ist das Versprechen: Neue Arbeitsplätze
zu schaffen. Aber wie soll sie das tun? Entweder müsste sie dafür einen Mangel
z. B. an Büroflächen beseitigen oder Vorteile für Unternehmen bieten, damit
diese sich hier ansiedeln, oder einen Bedarf wecken, der z. B. Kaufkraft
anzieht.
Ein
Mangel an Büros oder sonstigen Gewerbeflächen, den die Ruhrpromenade beseitigen
könnte, besteht in Mülheim und im gesamten Ruhrgebiet nicht.
Theoretisch möglich wäre, dass ein
Mangel an repräsentativen Flächen besteht, da z. B. ein Konzern eine neue
Zentrale errichten will und hierfür keine geeignete Fläche findet. Aus Sicht
„des Arbeitsplätze Schaffens“ wäre dies natürlich das Ei des Kolumbus. Sollte
es hier Interessenten geben, dann würde die Stadt gut daran tun, frühestmöglich
darüber zu informieren, da dies die Sachlage ändern würde.
Vorteile,
die eine Unternehmensansiedlung begünstigen: wie niedrigere Steuern, besser ausgebildetes
Personal, besondere Verkehrsgünstigkeit bringt die Ruhrpromenade nicht. Ein
Vorteil könnten besonders günstige Mieten sein, dass würde sich aber mit der
Gewinnerzielungsabsicht der Investoren beißen, siehe unten.
Bleibt die einzige Hoffnung für neue Arbeitsplätze einen
Bedarf (neuartige Konsumwünsche, Wellness etc.) zu wecken, der mehr Kaufkraft
in die Innenstadt lockt und so die Ansiedlung von Unternehmen begünstigt. Ob
dies in Zeiten sinkender Kassen möglich ist, darüber kann nur spekuliert
werden.
Bei
Kosten der Investoren von 150 Millionen Euro[3],
einer Geschossfläche von ca. 72.500 qm[4]
und einem angenommen Kalkulationszinssatz von 7% ergibt sich eine Mindestkaltmiete
bei Vollvermietung von 12,07 € pro qm[5],
die ein Investor verlangen muss, damit sich eine Investition in die
Ruhrpromenade für ihn lohnt.
Woher
aber sollen die Mieter kommen, die diese Preise bezahlen? Zur Zeit betragen die
Büro- und Wohnungsmieten in Mülheim bestenfalls 7 - 8 € pro qm, es gibt aber
auch gute Büros und Wohnungen schon für unter 5 € pro qm[6].
Dazu kommen erhebliche Bestände an freien Wohn- und Gewerbeflächen, und weiter
sinkende Einwohnerzahlen werden die Mieten niedrig halten, eventuell sogar
sinken lassen.
Allenfalls
werden potentielle Mieter der Ruhrpromenade bereit sein 12 € pro qm zu
bezahlen, wenn sie wert auf ein repräsentatives Umfeld legen z. B.
Rechtsanwälte oder Steuerberater. Ganz sicher gibt es aber nicht 500 - 700
Personen oder Firmen in Mülheim (jeder ca. 100 qm), die ein solch
repräsentatives Umfeld benötigen, um die 72.500 qm Geschossfläche zu füllen.
Und außerdem werden dies keine Neuansiedlungen sein, sondern Umzüge aus dem
Stadtgebiet, so dass anderorts Leerstand entsteht.
Da
jeder Investor genau diese Überlegungen tätigt, wird es für die Stadt schwer werden,
Investoren zu finden. Will die Stadt trotzdem welche gewinnen, kann sie nur dafür
sorgen, dass die Kosten der Investoren sinken z. B. durch billige Grundstücke,
Übernahme von Baukosten oder dadurch dass sie ihnen Mietgarantien gibt. Egal
wie, in allen Fällen ist zu fürchten, dass dies zu finanziellen Lasten der Stadt.
Die
Wahrscheinlichkeit, dass durch ein Hafenbecken tatsächlich Touristen angezogen
werden ist groß. Es ist aber sehr fraglich, ob dadurch nennenswert mehr Geld in
die Stadt kommt und vor allem, ob dadurch die Investition gerechtfertigt ist.
Auf gut deutsch gesagt: Touristen, die durch das Hafenbecken angezogen werden,
reichen wahrscheinlich um eine Pommesbude zu betreiben, wie wir es von den
Tourismusgebieten unserer holländischen Nachbarn kennen.
Das
Argument, dass durch die Ruhrpromenade neue Bürgerinnen und Bürger nach Mülheim
kommen, ist leider auch nicht stichhaltig. Das sicherste Mittel, um neue
Bürgerinnen und Bürger nach Mülheim zu locken, wäre die Bereitstellung von Arbeitsplätzen.
Da dies unsicher ist, siehe vorherigen Abschnitt, könnten es vielleicht noch
folgende Dinge sein: Günstige Mieten, gute und gesicherte Kinderbetreuung,
extreme Verkehrsgünstigkeit und ein hoher Wohnwert. Außer einem eventuell hohem
Wohnwert, wird keines dieser Dinge durch die Ruhrpromenade geleistet werden
können. Und einem hohen Wohnwert stehen wahrscheinlich hohe Mieten gegenüber.
Das
die Ruhrpromenade die Innenstadt näher an die Ruhr holt und dadurch attraktiver
macht ist das beste Argument für die Ruhrpromenade. Zumal dies ja Arbeitsplätze
und neue Bürgerinnen und Bürger begünstigen soll.
Ob
die Innenstadt wirklich anziehender wird, hängt neben der baulichen Gestaltung
auch von der späteren Nutzung ab. Die voraussichtliche Geschossfläche von über
70.000 qm der Ruhrpromenade, soll mit Wohnungen, Büros/Dienstleistungen und
Gastronomie gefüllt werden. Die Nutzung durch Einzelhandel ist ausdrücklich
ausgeschlossen worden.
Leere
Wohnungen, Büros und Gastronomieflächen gibt es in Mülheim leider reichlich.
Fragt sich, woher die Mieter der Ruhrpromenade kommen sollen, und wie soll die
Ruhrpromenade attraktiv werden, wenn es große Leerstände gibt?
Ohne
ein (Nutzungs-) Konzept, dass von Anfang an deutlich macht, dass es allenfalls
geringe Leerstände geben wird, ist ein Vorantreiben des Projektes verantwortungslos.
Bis
jetzt wurde zwar schon Geld ausgegeben aber es fehlt noch an:
-
den Kernpunkten:
Investoren und wie sollen die Flächen genutzt werden,
-
einer Kostenplanung
(nur Mittel im Haushalt auszuweisen reicht nicht),
-
Transparenz den
Bürgerinnen und Bürgern gegenüber.
Die
bisherige Nichtbeantwortung dieser Fragen lässt eine ungenügende Planung befürchten,
was das Scheitern des Projektes wahrscheinlicher macht.
Die
Stadt plant die Infrastruktur z. B. Verkehrsführung bis Hafenbecken für die Ruhrpromenade
zuerst erstellen zu lassen und danach Investoren zu suchen, die die Grundstücke
kaufen. D. h. die Stadt muss vorfinanzieren, also einen Kredit aufnehmen. Wie
soll das gehen, bei einer durch den RP erlaubten Kreditaufnahme von 0 €. Vgl.
S. 30 im Haushaltskonzept 2004.
Es
besteht also die Gefahr, dass später Gelder fehlen, um die Ruhrpromenade fertig
zu stellen. Alles jetzt investierte Geld wäre dann verloren.
Die
Ziele, die mit der Ruhrpromenade verfolgt werden, sind richtig. Sehr fraglich
ist aber, ob die Ziele erreicht werden können.
Wie
jeder Mensch oder jedes Unternehmen, muss auch eine Stadt ab und zu Dinge tun,
deren Erfolg nur schwer abschätzbar sind. Sie muss also Dinge riskieren! Die
Versprechungen neue Arbeitsplätze, neue Bürgerinnen und Bürger und eine attraktivere
Innenstadt sind alle mehr oder weniger risikobehaftet. Es wäre daher wichtig,
das Risiko so klein wie möglich zu halten.
Bei
dem Projekt Ruhrpromenade wurde aber das Risiko maximiert, indem nicht nur
nicht gut geplant wurde, sondern auch die Alternative mit den höchsten Kosten
und der größten Gefahr von Leerständen oder sogar Brachflächen gewählt wurde.
Ohne
weitere Informationen und Planungen, die den Erfolg wahrscheinlicher machen z. B.
ein schlüssiges Nutzungskonzept, ist die Ruhrpromenade abzulehnen! Die
versprochen positiven Auswirkungen sind viel zu unsicher!
[1] Angaben auf der städtischen Webseite zu Ruhrbania, Protokoll Planungsausschusses vom 12.2.2005, das Haushaltskonzept von 2005 und 2004.
[2] siehe S. 35 und 73 im Haushaltskonzept von 2004. Großprojekte der Vergangenheit (auch die Müga) haben ihre Spuren (Schulden) im Haushalt bis heute hinterlassen.
[3] Siehe Ruhrbania Webseite auf www.muelheim.de
[4] geschätzte Zahl, da Baupläne noch nicht vorliegen. Für die Berechnungen und Überlegungen spielen aber einige 1000 qm mehr oder weniger keine Rolle.
[5] 150 Millionen € / 72500 qm ergibt Baukosten von 2068 € pro qm. Bei einem niedrigen angenommen Kalkulationszinssatz von 7% (Finanzierungskosten, Tilgung und Rendite für den Investor) ergeben sich 144,83 € pro Jahr und qm bzw. 12,07 € pro Monat und qm.
[6] 2003 hatte ich Angebote für Büroflächen in der Schlossstrasse und Leineweberstraße von unter 5 €, es ist anzunehmen dass die Preise gesunken sind.