Das zweigliedrige Schulsystem in Österreich ist gescheitert, aber die Bundespolitik ist nicht zum Kurswechsel bereit.

 

Wer in der Zweigliedrigkeit eine Lösung für das deutsche Schulsystem sieht, sollte sich in Wien umsehen

 

Die österreichische Bundesregierung sieht sich mit ihrer Bildungspolitik durch die Pisa-Ergebnisse bestätigt. In den Schaukästen von Schulen präsentiert sic sich stolz als PISA-Sieger.

 

Ganz anders sieht man die Sache im Bundesland Wien. Dort finden sich weder Schulpraktiker noch Vertreter des Stadtschulrats, der Wiener Schulbehörde, bereit, diese Version zu bestätigen. Zwar habe Österreich besser abgeschnitten als Deutschland, aber dass allein sei wahrlich kein Grund zum Jubel. Die Kritiker verweisen auf die große Risikogruppe der 15-Jährigen mit unterdurchschnittlichem Kompetenzerwerb in Hauptschulen und Polytechnischen Schulen.

 

Soziale Segregationein Effekt der Zweigliedrigkeit

Die Wiener Hauptschule weist in ihrer Entwicklungsgeschichte eine fatale Ähnlichkeit mit der deutschen auf. In der Konkurrenz zur allgemeinbildenden höheren Schule (AHS) wenden sich immer mehr Eltern von der Hauptschule (HS) ab. Diese Tendenz gilt zunehmend auch für zugewanderte Familien. Die Verteilung auf die zwei Sek. I - Schulformen nach Klasse 4 der Volksschule verläuft wie in Deutschland entlang der sozialen Herkunft der Kinder. In begünstigten Stadtteilen gehen die Kinder fast alle zur AHS, während in benachteiligten Stadtteilen die HS noch die stärkste Schulform ist. Auch die Wiener Schullandschaft ist sozial und sozialräumlich segregiert. Hauptschulen sind der Ort für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien mit und ohne Migrationshintergrund und für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen.

 

Der Trend zur Vermeidung der Hauptschule hat sich unaufhaltsam vollzogen und ist nicht umkehrbar. Waren es im Bundesland Wien 1982 noch 53 % der SchülerInnen eines Jahrgangs, die nach der Volksschule den Übergang zur HS vornahmen, so sind es im Jahr 2001 nur noch 30 %. Dagegen beträgt die Übergangsquote zur AHS satte 70%. Alle Versuche, die Hauptschule zu attraktivieren und dem Trend entgegenzusteuern, sind gescheitert. Z. B. ist die Hauptschule wesentlich besser  mit Ressourcen ausgestattet. In der Regel verfügen ihre Klassen über ein Zwei-Lehrersystem.

 

Auch mit dem Aufnahmeverfahren lassen sich die Schülerströme zur AHS nicht aufhalten. Der Übergang zur AHS ist an ein „sehr gut“ oder „gut“ in Deutsch, Lesen und Mathematik gekoppelt. Sofern Kinder diese Kriterien nicht erfüllen, aber die AHS besuchen wollen, müssen sie entweder eine Aufnahmeprüfung an der AHS ablegen oder aber die Feststellung der Schulkonferenz vorweisen, dass „sie aufgrund ihrer sonstigen Leistungen mit großer Wahrscheinlichkeit den Anforderungen der allgemeinbildenden höheren Schule genügen werden“.

 

Trotz der bürokratischen Hürden regiert der Elternwille. Eltern machen Druck auf die Volksschulen, um die entsprechenden Zensuren oder Feststellungen zu bekommen. Außerdem erhöht der demografische Faktor die Bereitschaft der AHS, fast alle Anmeldungen aufzunehmen. Ausnahmen bilden nur die Elitegymnasien, die sich lediglich für eine bestimmte soziale Klientel zuständig fühlen.

 

Reformverweigerung durch die Bundespolitik

Wie die deutsche Bildungspolitik entzieht sich auch die österreichische auf der zuständigen Bundesebene der politischen Auseinandersetzung mit der bestehenden sozialen Chancenungleichheit. Dabei kommt ihr die Situation in den ländlich strukturierten Gebieten in Österreich entgegen. Scheint hier doch die Welt noch in Ordnung. Hier ist die HS durch solide Übergangsquoten in ihrer pädagogischen und gesellschaftlichen Funktionsfähigkeit noch nicht in Frage gestellt. Mehrheitlich geht man hier noch in die Hauptschule. Gleichwohl bleibt auch hier die Frage zu stellen, wie es sich mit dem Prinzip der Chancengleichheit verträgt, dass die AHS aufgrund der schlechten Erreichbarkeit vielen Kindern auf dem Lande verwehrt bleibt. Von gleichwertigen Lebensverhältnissen kann bei dem bestehenden Stadt-Land-Gefälle in Österreich keine Rede sein.

 

Gewiss ist, das der demografische Faktor die Sogeffekte zugunsten der AHS beschleunigen wird. Nach Berechnungen des Wiener Stadtschulrats werden, wenn man nichts tut, unter Berücksichtung der Geburtenentwicklung und dem Übergangsverhalten für die Jahre 2008 - 2011 bis zu einem Fünftel der Wiener Hauptschulen zu schließen sein. Die Hauptschule wird endgültig das Erscheinungsbild der Restschule annehmen.

 

Da ein integriertes flächendeckendes Gesamtschulsystem für Wien von der konservativen Bundesregierung politisch nicht genehmigt würde und dieses Modell nicht einmal in der SPÖ eindeutig mehrheitsfähig ist, hat man als Lösung einen Kompromiss im Allparteienkonsens in Wien gefunden, für den der Bund seine Zustimmung schon signalisiert hat.

 

Die kooperative Mittelschule – eine Notlösung

Bezweckt wird, über eine Kooperation zwischen HS und AHS im horizontalen Verbund und zwischen HS und Berufsschulen im vertikalen Verbund eine moderne Leistungsschule für die Sek. I zu entwickeln. Sie soll die Durchlässigkeit verstärken, die Übergänge erleichtern und die Bildungschancen verbessern. So sollen, nach den Empfehlungen des Wiener Bildungsrates von 1999 „die Mittelstufen-Schülerströme beeinflusst werden und Nachteile- bezogen auf weitere schulische Bildungswege der Schüler/innen - vermieden werden“.

 

Als pädagogische Eckpfeiler dieser neuen Schulart werden ausgegeben: innere Differenzierung anstelle von starren Leistungsgruppen, Unterrichtsplanung im Team zwischen AHS-und HS-LehrerInnen, Ausbau des fächerübergreifenden Unterrichts, Formen alternativer Leistungsbewertung, Wahlpflichtbereiche ab der 7. Schulstufe und gezielte Berufsinformation und Berufsorientierung. Auf der gesetzlichen Ebene setzt die Verwirklichung der personellen und räumlichen Kooperation voraus, dass LandeslehrerInnen der HS und BundeslehrerInnen der AHS gemeinsam in einer Schule eingesetzt werden können.

 

Für die Hauptschulen liegen die Anreize für die freiwillige Kooperation auf der Hand, wenn sie sich vor einer Schulschließung bewahren wollen. Den allgemeinbildenden höheren Schulen winkt eine verbesserte Ressourcenausstattung in Angleichung an die Hauptschulen. Aber gerade ihren LehrerInnen fehlt es an der richtigen Einstellung. Der überwiegende Teil der AHS-Lehrerschaft kann und will sich nicht freiwillig der Herausforderung des individualisierenden Unterrichts in einer noch heterogeneren Schülerschaft stellen.

 

Auf der Elternseite mag die Nachfrage am ehesten in zwei Stadtteilen von Wien, die eine Unterversorgung mit AHS-Plätzen haben, aufgehen. Ansonsten ist große Skepsis angebracht. Warum sollten sie, wenn sie für ihr Kind das Abitur anstreben, sich aus ihrer Sicht auf eine zweitbeste Lösung einlassen?

Die österreichischen Grünen, die als einzige Partei ein integriertes Schulsystem für alle Kinder von Klasse 1-9 fordern, stufen folglich die kooperative Mittelschule als Notlösung ein. Sie befürchten auch, dass möglicherweise Ressourcenanreize genutzt werden, ohne dass innovative Entwicklungen in Gang gesetzt werden.

 

Die integrierte Gesamtschule für alle wäre auch nach Meinung von Dr. Gröpel im Wiener Stadtschulrat die Lösung der Probleme. Eine hervorragende Voraussetzung dafür stellt der traditionell gemeinsame Lehrplan von AHS und HS dar. Aber da diese Lösung politisch nicht mehrheitsfähig ist, versucht die Wiener Schulbehörde im SPÖ-regierten Wien den konservativen Trends mit ihren begrenzten Möglichkeiten entgegenzusteuern. Ein Instrument sind die zahlreichen Schulversuche in Wien, die allesamt darauf zielen, die Integration im Bildungswesen zu verbessern.

 

Der längste Wiener Schulversuch: die integrierte Gesamtschule

Der Schulversuch mit der längsten Laufzeit ist die einzige integrierte Gesamtschule in Wien.

Wie die Laborschule in Bielefeld kennt sie keine Leistungsdifferenzierung. Derzeitig läuft der Versuch unter dem Titel „Schulversuch Mittelschule“.

 

Eine Evaluation in dem Beobachtungszeitraum 1993- 1997 bescheinigt der Gesamtschule, dass sie eine größere Chancengleichheit ermöglicht durch die Vermeidung der frühen Selektion. Ihre SchülerInnen zeigen weniger Schulangst im Vergleich zu SchülerInnen der AHS und weniger Schulunlust als SchülerInnen an der HS. Im Leistungsbereich sind die Ergebnisse der Gesamtschule vergleichbar mit der AHS, berücksichtigt man die unterschiedlichen Lernausgangslagen der jeweiligen Schülerschaft.

 

Es ist skurril und stimmt tieftraurig, dass ein solcher „Leistungsriese“ wie die Wiener Gesamtschule von der konservativen Bundespolitik so kleingehalten wird. Aber auch das kommt uns in Deutschland ja irgendwie bekannt vor.

 

Brigitte Schumann

ifenici@aol.com