Moderne Kriegführung im Namen der Ultima Ratio

Vom Jahreswechsel 1991/92 bis zum Jahreswechsel 2001/02 also innerhalb von genau 10 Jahren hat die Weltgemeinschaft drei Kriege unter Führung der USA innerhalb unterschiedlicher Bündnisse erlebt. Die Bilanz ist eindeutig: Erdrückende militärische Überlegenheit durch völlige Beherrschung des Luftraums und den Einsatz punktgenauer lasergesteuerter Bomben sowie gezielter Flächenbombardements kennzeichnen jeweils die verheerenden Auswirkungen auf den Gegner bei vergleichsweise äußerst geringer Anzahl eigener Verluste an Menschenleben wie Material. Aus militärischer Sicht ist damit „eindrucksvoll“ demonstriert worden: Nach dem Niedergang und Zerfall der Sowjetunion gibt es kein Land der Erde, welches auch nur in Ansätzen Vergleichbares aufzubieten hätte. Die USA sind aufgrund überlegener, mobiler See- und Luftstreitkräfte als einziges Land der Welt überall auf dem Globus in der Lage, ihre politischen Ziele mit militärischer Gewalt durchzusetzen, ohne noch einmal das Vietnamsyndrom auch nur in Ansätzen fürchten zu müssen.
Eine solche völlige Einseitigkeit der militärischen Kräfteverhältnisse wird natürlich auch Folgen für die internationale Politik und Diplomatie haben. Das Setzen auf militärische Logik im Falle gravierender Konflikte ist die Konsequenz eines gesteigerten „militärischen Selbstbewusstseins“ und führt psychologisch folgerichtig zur Senkung der Hemmschwelle bei militärischen Drohgebärden und der Bereitschaft, diese Drohungen auch in die Tat umzusetzen, wie sie die oft mühsame Suche nach Kompromissen und Interessenausgleich schwächt. Dies scheint der Preis eines verloren gegangenen militärischen Gleichgewichts zu sein, was wir wohl auch künftig beobachten werden. Denn die nächsten Feinde sind schon ausgeguckt.
Das Setzen auf eine vermeintliche Politik der Stärke ist auch in einer Demokratie, besonders in Wahlkämpfen, bei großen Teilen der Wählerschichten besonders dann sehr wirksam, wenn eigene Opfer nicht oder kaum zu befürchten sind. Diesen unbestreitbaren Tatbestand werden wir in nächster Zeit empirisch überprüfbar demonstriert bekommen. Kriege scheinen wieder denkbar und führbar und die gegnerischen Opfer sind lediglich ein Problem der Legitimation militärischer Einsätze in der Öffentlichkeit, die - dies haben alle drei Kriege der letzten zehn Jahre bewiesen - manipulierbar durch teilweise Irreführung sind.
Damit kommen wir zu einem weiteren Problem. Alle drei Kriege der letzten 10 Jahre sind mit dem Anspruch der Ultima Ratio geführt und legitimiert worden. Also der Grundsatz, wenn bei gravierender Verletzung internationaler Grundsätze des Zusammenlebens alle politisch zivilen Mittel der Diplomatie versagen, den Einsatz militärischer Gewalt anzudrohen und dann, falls dies auch keine Wirkung erzielt, auch aus Gründen der Glaubwürdigkeit durchzuführen. Dies ist auch in grünen Kreisen offensichtlich inzwischen ein mehrheitsfähiges Glaubensbekenntnis. Dabei dürfte kein geringerer als Außenminister Fischer schon aufgrund eigener Anschauung und Erfahrung wissen, welch ein Kinderglauben damit verbunden ist.
An dieser Stelle soll anhand der drei letzten Kriege der Umgang mit dem Grundsatz der Ultima Ratio untersucht, dabei Fragen gestellt und soweit es das Faktenmaterial hergibt auch widerlegt werden. Dabei wird sich zumindest eines erweisen, dass der Umgang mit dem Begriff der Ultima Ratio äußerst interpretierbar bzw. manipulierbar ist und sich dabei oft selbst dementiert.

1. Ultima ratio im zweiten Golfkrieg
Der Sachverhalt im August 1991 war klar: Der Irak hatte Kuwait überfallen, um sich das Land in seinen Staat einzuverleiben, also gewaltsam zu annektieren. Eine klare Verletzung des Völkerrechts und Missachtung und Zerstörung der Souveränität eines Staates. Die internationale Staatengemeinschaft – allen voran der UN-Sicherheitsrat – sahen sich gezwungen zu handeln, wobei sich die USA zur Anführung einer militärischen Option zur Verfügung stellten, eine Voraussetzung, die eine militärische Androhung überhaupt glaubwürdig machen konnte.
Verbunden wurde die Androhung militärischer Gewalt mit einem zeitlich befristeten Ultimatum an den Irak zum Abzug aus Kuwait, welches von Seiten Saddam Husseins ignoriert wurde. Um die Jahreswende 91/92 war dann der Aufmarsch einer internationalen Streitmacht unter Führung der USA zum Losschlagen gegen den Irak abgeschlossen mit den für den Irak bekannten Folgen bis in die Gegenwart. Rein immanent betrachtet war der Grundsatz der Ultima Ratio voll gewährleistet. Ein klassischer Fall, so schien es in der Öffentlichkeit.
Viel weniger klar ist der Sachverhalt allerdings, wenn wir uns mit der Vorgeschichte befassen. Im Jahre 1980 hatte der Irak den Iran militärisch angegriffen, eine klare einseitige Aggression mit dem Ziel, sich die iranischen Ölfelder im Südwesten des Landes einzuverleiben. Nach der iranischen Revolution, so die Überlegungen Saddam Husseins, sei der Iran so geschwächt, dass das Land einem Krieg gegen sein Land nicht gewachsen sein würde. Außerdem würde die antiamerikanische Haltung der Ayatollahs in Teheran die Amerikaner davon abhalten, dem Irak dabei in den Arm zu fallen.
Zumindest die letzte Rechnung ging auf. Proteste seitens des Iran über die Souveränitätsverletzung durch den Irak bei der UNO versandeten oder liefen aufgrund von US-Blockaden im Sicherheitsrat ins Leere. Im Gegenteil wurde der Diktator von allen westlichen Staaten in seinen Aggressionsabsichten durch Rüstungsexporte nach Kräften unterstützt, was nicht nur gut für deren Aktienkurse war sondern den überaus blutigen Krieg auch noch erheblich bis 1988 verlängerte mit auf beiden Seiten zusammen genommen über eine Million Toten. Es war damals Hans-Dietrich Genscher in seiner Funktion als Außenminister, der in aller Deutlichkeit auf diese Zusammenhänge hingewiesen hatte, ohne Erfolg, wie wir wissen. Finanziert wurde das Ganze mit Krediten durch Kuwait und Saudi-Arabien aus Ölgeschäften und aus dem Anstieg von Petrodollars.
Die erste Kalkulation Saddam Husseins ging allerdings nicht auf. Der Iran erwies sich stärker als angenommen. Es gelang ihm, die Iraker immer wieder auf ihre Ausgangsstellungen zurückzuwerfen. Am Ende stand der Irak bei seinen Nachbarn Kuwait und Saudi-Arabien bis zum Staatsbankrott in der Kreide, ohne dass die eigenen Ölreserven zur Deckung der Schulden noch ausreichten. Die Ölquellen Kuwaits sollten die Kompensationsbeute sein, wie die irakischen Schulden bei den Kuwaitern annulliert werden sollten.
Der Überfall auf Kuwait 1991 entbehrt nicht der völkerrechtlichen Logik. Warum, so musste sich ein Saddam Hussein fragen, sollte die zweite Souveränitätsverletzung nicht genau so hingenommen werden wie die erste gegen den Iran? Und mit Demokratie hatte das autokratische korrupte System Kuwaits noch weniger zu tun als die iranischen schiitischen Ayatollahs.
Saddam unterlag dabei folgender Selbsttäuschung: Im ersten Fall befand er sich im Einklang mit der westlichen Ölindustrie, im zweiten Fall handelte er gegen sie. Und geteiltes Recht ist kein Recht, sondern schlicht das Recht des Stärkeren. Was die Amerikaner anbelangt, so handelten sie nach dem Grundsatz des italienischen Staatsphilosophen Niccolo Machiavelli: „Wenn du es mit zwei Feinden zu tun hast, dann verbünde dich mit dem einen und schlage den anderen.“ Bei neuen Konstellationen setzt dann das „Bäumchen-wechsel-dich-Spiel“ ein.

2. Ultima Ratio im Kosovo-Krieg?
Die Jahre 1989/90 markieren nicht nur den endgültigen Zusammenbruch des Ostblocks. Es war auch der Beginn der Zerstörung des Bundesstaates Jugoslawien. Als die Aufstände in Slowenien und Kroatien gegen die jugoslawische Bundesarmee begannen, annullierte der mit nationalistischer Propaganda an die Macht gekommene serbische Präsident Milosevic wenig später die Teilautonomien Wojwodinas und Kosovos, die diese genau wie die anderen Teilrepubliken innerhalb der jugoslawischen Föderation besaßen.
Gedacht als ein Akt zur Verhinderung eines Abfalls vom Gesamtstaat war es aber das Fanal zum Abfall aller anderen Teilrepubliken, d.h. es beschleunigte den Prozess der Zerstörung des Gesamtstaats, da es die politische Illegitimität eines nur serbisch mobilisierten Nationalismus unterstrich, der gleichzeitig vorgab, den Gesamtstaat Jugoslawiens zu erhalten und zu stützen.
Was im Falle Wojwodinas aufgrund seiner überwiegend serbisch bedingten Bevölkerung noch hingenommen wurde, kam im Kosovo mit seinem über achtzigprozentigen Anteil albanischer Bevölkerung einer politischen Entrechtung und völligen Entmündigung gleich. Alle administrativen Funktionen wurden radikal mit Serben besetzt.
In der Erkenntnis, dass die albanische Mehrheit einer solcher Maßen gestärkten politischen Minderheit der Serben nichts entgegenzusetzen hatte, übten sich die Kosovaren (wie sie sich selbst nannten) unter ihrem politisch durch heimliche Wahlen legitimierten Führer Rugova jahrelang in gewaltfreiem Widerstand, bis dann dieser (auch unter dem Eindruck nationalistisch motivierter Gewaltakte gegen die Muslime in Bosnien seitens der Serben und Kroaten) zunehmender bewaffneter Militanz durch das Entstehen der UCK weichen musste, ein Vorgang, der in seiner politischen Logik natürlich angelegt und in seiner Legitimität nachvollziehbar war.
Dies auch, obwohl wir heute wissen, dass einer der wichtigsten Waffenausrüster der UCK das Netzwerk um einen gewissen Osama bin Laden gewesen ist, der sich immer wieder ganz offiziell in Albanien – umgeben mit den höchsten Politgrößen des Landes – aufhielt, fast zeitgleich waren seine Leute übrigens auch in Tschetschenien mit gleichgesetzter Zielrichtung gegen die Russen tätig. In beiden Ländern geschah dies unter wohlwollender Förderung und Duldung fast aller westlichen Geheimdienste.
Bestand das strategische Ziel der UCK in der ersten Phase darin, militärisch in die heimische Bevölkerung einzusickern und unterzutauchen, so ging sie danach zunehmend zu offener militärischer Auseinandersetzung gegen serbisches Militär und Polizei über, denen sie gewaltsam die Kontrolle über immer mehr Siedlungsgebiete abtrotzte. Das Schema der militärischen Auseinandersetzung ist dem der türkischen Armee gegenüber den Kurden fast deckungsgleich, nur dass in diesem Fall die serbische „Ordnungsmacht“ in stärkerem Maße unter Druck geriet, was dann zu Eskalationen führte, deren Opfer immer mehr die Zivilbevölkerung wurde mit der Folge entsprechender Flüchtlingsströme.
Was im Falle der Türkei als legitime Staatsräson international akzeptiert wurde, galt im Falle Kosovo als Staatsverbrechen serbischer Politik und wurde auch so einhellig in den westlichen Medien dargestellt. Man mag diese Auffassung auch teilen, nur stellt sich dann das Problem der Beurteilung im Rahmen eindeutiger Maßstäbe nicht nur in der Türkei, sondern auch anderer Staaten im Falle der Sezession und der internationalen Rechtfertigung von Kriegen als Antwort auf staatlich ausgeführte Gewalt gegen diese. Die Kompliziertheit dieses Sachverhalts macht deutlich, warum der Krieg der Nato ohne UN-Mandat geführt wurde und dieses auch nie zu bekommen gewesen wäre.
Auch ging in der öffentlichen Darstellung unter, dass die serbische Regierung unter Milosevic Beobachter der OSZE ins Land gelassen hatte, die ihren Regierungen auch von der Rücksichtslosigkeit der UCK gegenüber der eigenen Zivilbevölkerung berichteten, die diese als Schutzschild in der militärischen Auseinandersetzung systematisch missbrauchte und Opfer international propagandistisch nutzte. Diese von durchaus professioneller Sachkenntnis geprägten Berichte wollten aber weder die westlichen Regierungen noch deren Öffentlichkeit zur Kenntnis nehmen. Diese befasste sich mit wenigen Ausnahmen fast ausschließlich mit der Dämonisierung der Person Slobodan Milosevic, eine Vereinfachung und Verzerrung des jugoslawischen Sezessionskrieges insgesamt, was aufgrund der Verbrechen der bosnischen Herren Karadcic und Mladic in Srebrenica besonders leicht fiel, vermutete und behauptete man doch die persönliche Verantwortung Milosevics hinter diesen Vorgängen.
So geriet die offizielle Politik durch die öffentliche Berichterstattung immer mehr unter Druck im Kosovo endlich einzugreifen, wie umgekehrt diese die Öffentlichkeit auch zur Bereitschaft für einen militärischen Einsatz gegen die serbische Politik nutzte. So wurde dann auf Seiten der Nato die „Implementierung“ von Nato-Truppen im Kosovo gefordert und die Zustimmung dafür von Milosevic verlangt. Dieser war aber nur zu Verhandlungen über Truppen der OSZE bereit, was die Berücksichtigung oder gar die Beteiligung Russlands bedeutet hätte, wogegen wiederum die Nato und vor allem die durch die UCK vertretenen Kosovaren waren.
Dabei war die Forderung Serbiens nach Einsatz der OSZE zur Konfliktregulierung völkerrechtlich legitim, denn bei dieser Organisation handelt es sich nicht wie bei der Nato um ein einseitig orientiertes Militärbündnis, sondern um ein politisches Bündnis zur Regelung und Verhinderung von Konflikten in Europa. Die „Implementierung“ von Nato-Truppen im Kosovo ohne UN-Mandat hatte hingegen von Anfang an den völkerrechtlich illegitimen Geruch politisch einseitiger Interessenwahrnehmung an sich.
So sollte dann ein letzter Versuch zur Verhinderung eines Krieges in den Verhandlungen im französischen Schloss Rambouillet unter Einschluss aller Beteiligten unternommen werden. Diese Verhandlungen waren aber von Anfang an durch völlig entgegengesetzte Interessen aller Verhandlungsbeteiligten belastet.
So wurde durch die Amerikaner die gemeinsame Unterschrift von Serbien (Jugoslawien) sowie der Kosovaren unter ein gemeinsames Dokument verlangt und ein Krieg gegen Jugoslawien durch die Nato im Falle eines Nichtzustandekommens angedroht. Die Vertreter des Kosovo aber, maßgeblich vertreten durch die UCK, machten sofort deutlich, dass sie nichts unterschreiben würden, was auf einen Verzicht auf den Einsatz von Nato-Truppen hinauslief. Da dies wiederum von Jugoslawien nicht akzeptiert wurde, war das Scheitern von vornherein angelegt. Die Europäer um Deutschland, Frankreich sowie Italien hatten anfangs ernste Absichten den Krieg gegen Jugoslawien (Serbien) zu verhindern, wobei ihnen die OSZE-Variante als Möglichkeit in einem Bündnis mit Russland ernsthaft denkbar erschien.
Die Sache zugunsten eines Nato-Angriffs war entschieden, als Frankreich aus dem europäischen Bündnis der Tauben in das der Nato-Falken USA und Großbritannien an der Seite der UCK überwechselten, wie wir heute wissen weniger aus eigener Überzeugung als aus Eitelkeiten einer Atommacht, die plötzlich unbedingt in den Klub der kriegführenden Weltmächte gehören wollte. Von dem Augenblick an war von OSZE keine Rede mehr und der Europäische Verhandlungsakteur, der Österreicher Wolfgang Petritsch, gegenüber Milosevic kalt gestellt. Er durfte in Brüssel dem Flugzeug hinterher schauen, das mit einer dreiköpfigen Verhandlungsdelegation der Amerikaner, Britten und Franzosen ohne ihn nach Belgrad abhob (siehe „Die Zeit“ von 12.Mai 1999 S 17). Es ging nur noch darum, Milosevic eine Zustimmung zum Einsatz von Nato-Truppen in einer Größenordnung von 28 000 Nato-Soldaten im Kosovo unter Androhung von Gewalt abzupressen und diese dann in der internationalen Öffentlichkeit zu legitimieren.
Um letzteres zu erreichen, wurde die Konferenz bis zu einem weiteren Termin vorläufig eingestellt, um Milosevic Bedenkzeit zu geben, wie es angeblich hieß. Drei Wochen später findet in Rambouillet der Konferenz zweiter Teil statt, wobei es zu Verhandlungen gar nicht mehr kommt. Nun war in das zu unterzeichnende Vertragswerk zur Stationierung von Nato-Truppen im Kosovo plötzlich ein Annex B angeführt, in dem sich Jugoslawien verpflichten sollte, auch seinen gesamten Wege- und Luftraum auf dem eigenen außerhalb des Kosovo befindlichen serbischen Staatsgebiet preiszugeben und der Nato zur völliger Verfügung freizugeben. Ein Anhang, von dem der Spiegelherausgeber Rudolf Augstein schrieb, dass kein Staat der Welt so einen Vertrag unterschrieben hätte, weil er die völlige Kapitulation des eigenen Landes vorweg nahm.
Richtig ist, dass über diesen berüchtigten Annex B in Rambouillet nicht mehr verhandelt wurde, was erklärt, dass die Serben dazu auch keinerlei Möglichkeiten mehr sahen, da sie ja in Kenntnis dieses Textes waren. Für die Öffentlichkeit hingegen war die Legitimation ausreichend hergestellt und die Ultima Ratio – so schien es – demonstriert. In Wirklichkeit wurde die gesamte internationale Öffentlichkeit hinters Licht geführt und die Unseriosität der Verhandlungsführung zu der angeblichen Verhinderung des Krieges im Verborgenen gelassen, wobei dann erst Monate zu spät die Wahrheit ans Licht kam, genauso wie der Unsinn über einen angeblichen Hufeisenplan zur Vertreibung der Bevölkerungsmehrheit im Kosovo, den die deutsche Regierung immer wieder ins Feld führte. Diesen gab es tatsächlich, er stammt aber aus dem Jahre 1936. So sieht dann der Kabarettist Werner Schneider im Bombenkrieg gegen Jugoslawien auch die Demonstration einer riesengroßen Waffenmesse, was sie in der Tat gewesen ist und wahrscheinlich durch ernsthafte Verhandlungsführung hätte verhindert werden können.
(Anmerkung am Rande: Ich selbst war damals gläubiger Anhänger der Auslegung von der Ultima Ratio, dies alles war nicht gerade ein Ruhmesblatt des deutschen Journalismus.)
Aus militärischer Sicht war dieser Krieg eine geradezu unersetzliche Erfahrung der 1. Führungsmacht in der Welt hinsichtlich der Führung und Auswirkung eines groß angelegten Luftkriegs, von den Gewinnen der Rüstungsindustrie ganz abgesehen.

3. Afghanistan: Krieg gegen den Terrorismus
Die Anschläge in New York und Washington erlebte der Koordinator der deutschen Geheimdienste Ernst Uhrlau in seinem Berliner Büro vor dem Fernseher wie andere Mitbürger auch, um anschließend zum Hörer zu greifen und seine amerikanischen Kollegen anzurufen. Grund für den Anruf waren laut Wochenzeitschrift „Die Zeit“ Erkenntnisse, die er und ein Teil seiner Kollegen ein Jahr zuvor in Tschetschenien gesammelt hatten. Die Russen hatten ihn über die enorme militärische Effizienz der Kriegführung der tschetschenischen Separatisten informiert und auf den Zusammenhang mit den Talliban und der Gruppen um bin Laden verwiesen, in denen sie die Hauptursache für jene Effizienz sahen. Uhrlau erwähnte gegenüber der „Zeit“ den besonderen Wert seiner gesammelten Erkenntnisse in Russland, die aber damals niemand zur Kenntnis nehmen wollte. Zudem war seine Instruktionsreise von der deutschen Politik nicht autorisiert worden und hatte ihm anschließend einen Rüffel durch die parlamentarische Kontrollkommission eingebracht (ein Vorgang, der dann auch in allen Zeitungen stand.)
Für den Westen und die veröffentlichte Meinung waren da noch im Tschetschenienkrieg Freund und Feind klar lokalisiert und geschieden. Die Russen galten als Aggressoren und die tschetschenischen Rebellen als Freiheitskämpfer, obwohl es sich bei dieser Region eindeutig um russisches Staatsgebiet handelt. Warum in diesem verlassenen Winkel der Erde ein so heftiger Krieg tobte, wird allerdings ganz logisch, wenn man die riesigen Öl- und Erdgasreserven berücksichtigt, die rund um die Anrainer des Kaspischen Meeres vor allem in jüngster Zeit entdeckt wurden. Experten sprechen von den größten Lagerstätten der Welt in Turkmenistan, Kasachstan, Usbekistan sowie als Ölbasis von besonderem Wert Aserbeidschan und seiner Hauptstadt Baku, alles altes Rohstoffkerngebiet der ehemaligen Sowjetunion.
So verläuft z.B. die Hauptölpipeline aus Aserbeidschan über Tschetschenien ausschließlich über russisches Staatsgebiet nach Westen zum russischen Schwarzmeerhafen Novorossisk. Russland kontrolliert damit immer noch die Energievorräte seiner ehemaligen, heute aber meist abtrünnigen ehemaligen Sowjetrepubliken.
Die Amerikaner sind seit etwa zehn Jahren mit einem internationalen Bündnis eines großen Energiekonsortiums angetreten dies zu ändern. Dabei ist viel Geld im Spiel um die Verlegung neuer Pipelines über Tausende von Kilometern zu bewerkstelligen. So soll die Hauptleitung der Russen in Tschetschenien angezapft und durch das abtrünnige Georgien über Armenien und die Türkei zum Mittelmeerhafen Cheyhun gelegt werden. Weitere Öl- und Gaspipelines sind östlich des Kaspischen Meeres von Usbekistan und Turkmenistan über die afghanischen Städte Maser al Sharif und Herat durch Südpakistan zum Indischen Ozean geplant. Zu diesem Zweck hatte der amerikanische Präsident Clinton zu Ende seiner Amtszeit eine große Konferenz mit den abtrünnigen Republiken rund ums Kaspische Meer unter Einschluss der Türkei in Istanbul abgehalten, auf der diese Pläne eine genauere Konkretisierung fanden (über die „Die Zeit“ auch ausführlich berichtet hatte.) Dass diese Konferenz stattfand, während in Tschetschenien noch ein grausamer Krieg ausgetragen wurde, unterstreicht nur die politische Dreistigkeit jener Pläne.
Aber die Amerikaner hatten für diese Pläne auch Pakistan und die Talliban und die Gruppe um bin Laden mit an Bord, die, was die politische Stabilität in dieser Region anbelangt, sich unverzichtbare Dienste erworben hatten, indem sie die zerstrittene und unkontrollierbare Nordallianz sowie den Paschtunenwarlord Hekmatiar vertrieben hatten. Und was die Talliban und bin Laden anbelangt, so glaubten die Amerikaner zu diesem Zeitpunkt eine religiöse Verbindung zum streng religiösen Fundamentalismus der Wahhabiten in Saudi-Arabien zu sehen, einer religiösen Richtung, der fast das gesamte saudische Königshaus angehört und mit dem man eng verbunden war und ist.
Zu den Geschäftsverbindungen hoher amerikanischer Politiker einschließlich des Hauses Bush sowie zahlreicher ehemaliger Außenminister und hoher Berater mit der Binladen Group (der Familie Osamas) über gemeinsame Beteiligungen z.B. an großen Rüstungskonzernen Carlyle Corporation, der Investmentgesellschaft Fremont Group, Citigroup etc. hatte „Die Zeit“ am 15.11.2001 ausführlich berichtet (s. Internet: www.zeit.de/2001/47/saudiarabien). Besonders tragisch ist dabei das Schicksal des Geheimdienstmannes John P. O’Neill, der das FBI immer wieder vor den Gefahren der Gruppe um Bin Laden gewarnt hatte, sich darüber beklagte kein Gehör zu finden, versetzt wurde als Zuständiger für die Sicherheit der New-Yorker Zwillingstürme und dann bei den Anschlägen am 11. September ums Leben kam.
Bin Laden selbst hatte als Gründe für die Anschläge angegeben, die einseitige Haltung der Amerikaner im Israel/Palästina-Konflikt zu Gunsten Israels, die bis heute bestehende Blockadepolitik gegen den Irak und die sozialen Folgen für die Bevölkerung sowie die anhaltende Bombardierung sowie die bis heute andauernde Stationierung amerikanischer Truppen auf dem Boden Saudi-Arabiens, was er als Besatzerregime kennzeichnete. Politische Sachverhalte von höchster Brisanz und Konsequenz für das Leben in dieser Region. Alles zusammen genommen sind sie auch Hauptgründe, die dem Terrorismus in der arabischen Welt die Massenbasis herstellt.
Was bin Laden und die Motive seines Netzwerkes für die Anschläge anbelangt, so fühlte sich der Topterrorist im Dienste des Westens von den Amerikanern offensichtlich einseitig gegen die Russen und gegen die eigenen arabischen Interessen funktionalisiert und kehrte sich enttäuscht wie seinerzeit Saddam Hussein gegen seinen Herrn. Offensichtlich hat die amerikanische Politik ein großes Talent überall Enttäuschung zu hinterlassen. So können wir wohl auf die nächsten gewaltigen Dimensionen dieser Politik gespannt sein. Eines scheint klar: Sie ist Ursache und nicht Lösung der Probleme um die es geht. Sollten sich die Europäer weiterhin in Nibelungentreue daran beteiligen, machen sie einen großen Fehler gegen die eigenen Interessen.
Hubert Niehoff